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WirtschaftsRundschau > Nachrichten > Kultur > „Auf ganz dünnem Eis“ – Neue Erzählungen von Peter Stamm
Kultur

„Auf ganz dünnem Eis“ – Neue Erzählungen von Peter Stamm

Uta Schröder
Zuletzt aktualisert 13. Oktober 2025 00:47
Von Uta Schröder
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5 min. Lesezeit
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Die Gletscher sind nicht geschmolzen. Sie sind zurückgekehrt, mit unerbittlicher Macht. „Wintern“, die letzte der insgesamt neun neuen Erzählungen von Peter Stamm, führt nicht auf ganz dünnes, sondern auf ganz dickes Eis: Das Rhonetal in der Schweiz ist versunken unter den Gletschern, Städte und Dörfer wurden zerstört. Nur ein Mensch lebt noch in der unwirtlichen Landschaft, in einer verlassenen Burg in der Höhe.

Inhaltsübersicht
Hochwasser und Trockenheit am BodenseeIngolstadt als LebensbühneEinsamkeit als großes Thema des SchreibensVom Alltäglichen zu den großen Fragen

Hochwasser und Trockenheit am Bodensee

Das Klima habe ihn schon immer fasziniert, sagt Peter Stamm. „Weil es so viel größer ist als wir. Und weil es so viel beeinflusst. Nicht nur im Negativen, im Sinne einer Klimaerwärmung. Sondern überhaupt: Der Mensch lebt im Klima und vom Klima und muss sich an das Klima anpassen.“

Von klimatischen Veränderungen handelt auch die zweiteilige Erzählung „Auf dünnem Eis“. Sie spielt in zwei Sommern am Bodensee, der eine mit Dauerregen und Hochwasser, der andere mit erbarmungsloser Trockenheit. Die Erzählerin ist Schauspielerin und arbeitet in einer Klinik, sie spielt Patientinnen, simuliert Symptome, für die Ausbildung des medizinischen Personals. Sie will aber auf die Theaterbühne zurück und irgendwie auch in anderes Leben.

Ingolstadt als Lebensbühne

Der Weg in der Erzählung führt nach Bayern: Am Theater Ingolstadt klappt es endlich mit dem Vorsprechen, die Schauspielerin wird dort engagiert. Auf die Frage, was ihn an der Stadt an der Donau interessiert habe, antwortet Peter Stamm, er möge die mittelgroßen Dinge im Leben, auch geographisch. „Es war auch ein bisschen Zufall. Es hätte auch Oldenburg oder Bielefeld sein können.“ Es ist aber, und das entwickelt eine Logik in der Erzählung, Ingolstadt. Der Weg dorthin wird nicht der einzige Einschnitt im Leben der Schauspielerin sein.

Peter Stamm erzählt diese und auch die anderen Geschichten auf ruhige Weise. Der Text fließt aber nicht einfach dahin, es entstehen dichte und auch fein konstruierte atmosphärische Räume. In die Erzählung über die Schauspielerin etwa sind (unmerklich) Sätze aus Ödön von Horvaths Stück „Kasimir und Karoline“ eingewoben, dem Stück, in dem sie in Ingolstadt eine der beiden Hauptrollen spielen soll.

Einsamkeit als großes Thema des Schreibens

Ein Grundthema in den Erzählungen ist Einsamkeit – und das war nicht geplant, sagt Peter Stamm. In „Jump and Run“ wird diese Einsamkeit existentiell drängend für eine Schweizerin, die bei der UN-Mission im Kosovo arbeitet und zeitweise in einer Welt voller Camps und Containern lebt. „Ich hatte Lust, wieder einmal zu meinen Anfängen zu gehen und journalistisch zu arbeiten“, sagt der Schriftsteller. „Ich wollte recherchieren und hinausgehen und andere Welten kennenlernen.“

Ein spürbar bewegender Text ist „Mars“, die Geschichte einer Familie, die mit einem heftigen Experiment konfrontiert wird. Laurin, der jugendliche Sohn des Erzählers, will in näherer Zukunft einmal zum Mars reisen und simuliert den Flug im eigenen Haus: Er schließt sich ein, wochenlang, ernährt sich von Konserven und Trockennahrung, hält sich mit dem Hometrainer fit. Mit den Eltern kommuniziert er allein über einen Chat. Er ist eigentlich in ihrer Nähe und entfernt sich doch immer weiter.

Vom Alltäglichen zu den großen Fragen

Ihn fasziniere die Vorstellung, dass Menschen über Monate auf engstem Raum eingeschlossen sind, so Peter Stamm. „Für einen Schriftsteller ist das eine spannende Situation. Zum anderen ärgert mich aber auch der Wahnsinn, zu behaupten, wir könnten uns im Weltall ansiedeln. Es gibt keine Chance, jemals aus unserem Sonnensystem herauszukommen.“

Die Sorge der Eltern wächst, mit jedem Tag. Wie wird das fordernde Experiment ausgehen? Werden sie Laurin, an der Schwelle zum Erwachsenwerden, verlieren? Das lese man unbedingt selbst. Peter Stamms Erzählungen führen vom Alltäglichen, vermeintlich Gewöhnlichen zu den großen Fragen. Und sie tun das ganz beiläufig, ohne große Aufregung und ohne jede Sentimentalität. In der Stille einer klaren, enorm tiefgründigen Prosa wird immer wieder erfahrbar, was es bedeutet, am Leben zu sein.

Peter Stamms Prosaband „Auf ganz dünnem Eis“ ist im S. Fischer Verlag erschienen.

 

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Von Uta Schröder
Uta Schröder ist eine versierte Kulturjournalistin und leitet das Ressort Kultur der WirtschaftsRundschau. Mit ihrem umfassenden Wissen und ihrer Leidenschaft für Kunst und Kultur bietet sie tiefgehende Analysen und spannende Einblicke in die kulturelle Landschaft.
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