Dass Hitze aggressiv macht, ist kein Mythos, sondern wissenschaftlich erklärbar. „Wir sehen in Gegenden, die eigentlich nicht an diese Hitze angepasst sind, dass die Aggressivität steigt“, sagt Claudia Traidl-Hoffmann, Professorin für Umweltmedizin an der Universität Augsburg. Das liegt daran, dass der Körper bei den derzeitigen Temperaturen Alarm schlägt. Er droht zu überhitzen. Deshalb regt das Gehirn dazu an, mehr Stresshormone wie Cortisol und Adrenalin auszuschütten, um den Körper vor der ungewöhnlichen Situation zu warnen. Außerdem schüttet der Hypothalamus vermehrt das Hormon Vasopressin aus, um Wasser in den Nieren zurückzuhalten. Das soll verhindern, dass der Körper austrocknet.
Hitze fordert vom Körper Höchstleistungen
Mit der Wärme weiten sich die Blutgefäße. Das Herz muss schneller pumpen, um den Blutdruck aufrechtzuerhalten. Das fordert dem Körper Höchstleistungen ab, denn er muss die Temperatur in Form von Gefäßerweiterung und Schwitzen regulieren. Dehydriert der Körper und verliert Elektrolyte, wird das Gehirn nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt. „Im Gehirn laufen sehr präzise biologische Prozesse ab, die bei Hitze leicht gestört werden können“, erklärt die Neurologin Ameli Breuer von der Charité in Berlin. Die Fähigkeit, sich zu konzentrieren und einen kühlen Kopf zu behalten, nimmt ab.
Kühle Räume in Kliniken wichtig
In Krankenhäusern sei es dringend notwendig, kühle Räume zu schaffen, um Patientinnen und Patienten nicht auch noch mit Hitze zu belasten, so Claudia Traidl-Hoffmann: „Menschen mit allen chronisch-entzündlichen Erkrankungen des Nervengewebes leiden bei Hitze besonders.“ Wichtig sei es, medizinisches Personal zu schulen, dass es auf Hitzekollapse, Dehydration und Herz-Kreislauf-Probleme schnell reagieren könne.
Studien zeigen: Übergriffe steigen bei Hitze
Körper und Psyche leiden unter den hohen Temperaturen, die Gereiztheit steigt, die Impulskontrolle sinkt, was sich beispielsweise im Straßenverkehr bemerkbar macht. Das ist auch auf fehlenden Schlaf während der heißen Tage zurückzuführen. Wer tagsüber müde ist, lässt sich schneller zu aggressiven Handlungen treiben als jemand, der gut geschlafen hat. Eine Langzeitbeobachtung aus den USA über einen Zeitraum von 45 Jahren kam schon im Jahr 1997 zu dem Ergebnis, dass gewalttätige Übergriffe in warmen Jahren und Jahreszeiten zunehmen.
An Hitzetagen steigt die Zahl aggressiver Vorfälle
Im Rahmen einer Studie aus dem Jahr 2021 wurden sämtliche aggressive Ereignisse in sechs psychiatrischen Kliniken in Süddeutschland zusammengetragen. Der Gesundheitswissenschaftler Frank Eisele sagt: „Wir beobachteten einen signifikanten Unterschied in der Anzahl aggressiver Vorfälle an Tagen mit Temperaturen unter 30 Grad und ab 30 Grad Celsius.“ An Hitzetagen nahm die Zahl der Übergriffe um etwa 15 Prozent zu. An Tagen über 33 Grad Celsius lag die Zunahme sogar bei 33 Prozent. In Süddeutschland wird wegen des Klimawandels bis 2050 mit einer Verdopplung der Hitzetage gerechnet.
Erste Untersuchung dieser Art vor 50 Jahren – weitere folgten
Bereits 1976 untersuchten zwei Psychologen aus den USA das Phänomen Hitze und Aggression in einem Experiment. Dabei teilten sie 64 männliche Studenten in zwei Gruppen ein. Die Teilnehmer der einen Gruppe durften die der anderen Gruppe kritisieren. Dafür durften die anderen sie mit Elektroschocks bestrafen. Ergebnis: Je heißer es im Versuchsraum war, desto häufiger versetzten die Studenten ihren Kritikern Elektroschocks.
Eine Auswertung aus dem Jahr 2015 im Profi-Football in den USA zeigt: Je heißer es ist, desto mehr Spieler begehen Regelverstöße. In einem Gefängnis in Mississippi ergab eine Untersuchung aus dem Jahr 2024, dass hohe Temperaturen die Gewaltbereitschaft der Inhaftierten erhöhen.
Spanien und Frankreich haben Hitzeschutzpläne
In anderen Ländern wie Spanien oder Frankreich haben die Regierungen nach dem Hitzesommer 2003 Anpassungsmaßnahmen ergriffen wie etwa flexiblere Arbeitszeiten mit Schließungen zur Mittagszeit. In Barcelona gibt es beispielsweise auch kostenlose öffentliche Klimaschutzräume, in die man sich zurückziehen kann. Stadtplanerische Maßnahmen mit mehr Beschattung und guter Belüftung sind notwendig. Der Schutz von Risikogruppen – dazu gehören Kleinkinder, Schwangere oder ältere Leute – sollte stärker in den Fokus rücken. Deutschland hinke bei Vorsorge, Frühwarnung und Aufklärung zurück, kritisiert Claudia Traidl-Hoffmann: „Anpassungsmaßnahmen sind wichtig. Wir brauchen flächendeckend Hitzeschutzpläne.“

