Hände, die über eine grobe Betonwand streichen, Blut am Boden im Gang vorm Verhörraum, flehende Schreie auf die Toilette zu dürfen: 20 Minuten lang sieht man kein einziges menschliches Gesicht. Die Kamera nimmt konsequent die Perspektive der Gefangenen ein: Roya.
Roya wie sie in ihrer drei Quadratmeter großen Zelle im Kreis läuft, so gut es geht. Wie ihr ein Tschador und eine Augenbinde zugeschleudert werden. Wie sie auf dem Weg zum Verhör nur ihre Fußspitzen sieht, und auch die so schlecht, dass sie dann doch über die über ihr hängenden Stoffe stolpert.
„Roya“ basiert auf wahren Begebenheiten
Als Zuschauer sind diese ersten Minuten des Films „Roya“ kaum zu ertragen: das flackernde Licht, der spitze und hallige Ton, die klaustrophobische Enge. Da sitzt man dann im bequemen Sessel vor der Leinwand und vor allem in Sicherheit und weiß: Eindringlicher kann man die Atmosphäre der Angst, Gewalt und Willkür nicht heraufbeschwören – vom wahren Leid der Inhaftierten ist es trotzdem weit entfernt.
Regisseurin Mahnaz Mohammadi hat in „Roya“ ihre eigenen Erfahrungen mit Einzelhaft in iranischen Gefängnissen, wie im berüchtigten Evin-Gefängnis, verarbeitet. Mohammadi ist bekannt für ihren Einsatz für Bürgerrechte und gegen politische Repression im Iran. Zurzeit lebt die 51-Jährige in Berlin, im Iran hat sie seit längerem Berufsverbot. Deshalb wurde „Roya“ im Geheimen gedreht.
Psychischer Druck in Haft
Der inhaftierten Hauptfigur und Lehrerin Roya wird vorgeworfen, ihre Schülerinnen dazu angestiftet zu haben, ihre Kopftücher zu verbrennen. Jetzt soll sie vor laufender Kamera ein Geständnis ablegen. Doch so leicht ist Roya nicht zu brechen. Der Beamte erhöht den Druck. Ihr an Alzheimer erkrankter Vater habe einen Herzinfarkt erlitten und liege im Sterben: Wenn sie das Geständnis ablegt, darf sie raus und ihn noch einmal sehen. Dann sitzt sie tatsächlich im Auto, mit versteinertem Gesicht, Angst und Ungläubigkeit in den Augen.
Sechs Monate saß Roya in Isolationshaft, ohne Tageslicht, ohne Rechte, und dann: Sonnenlicht. Aber keine Erlösung. „Roya“ ist nicht nur ein Film über die Haftbedingungen, es ist vor allem ein Film darüber, was die Haft mit einem Menschen macht.
Realitätsverlust im Leben nach der Haft
Wie in Trance taumelt Roya von Szenen zu Szene. In ihrer Wohnung nimmt sie seltsame Dinge wahr: Auch hier flackert das Licht, vor dem Fenster läuft jemand im Kreis um einen Baum, beim Zwiebelschneiden schneidet sie sich die Finger blutig und merkt es nicht. Beim Zuschauen keimt da langsam diese Frage heran: Was ist hier eigentlich Realität und was Halluzination? Ton und Bild passen nicht zusammen und es bleibt unklar, was echt ist: die Stimmen echt oder die Bilder? Ist sie im Gefängnis und halluziniert sich nach draußen, oder ist sie draußen und hört permanent die Stimmen von drinnen weiter?
Beides ist möglich und beides macht klar, wie die Haft den Körper eines Menschen nicht nur äußerlich begrenzt, sondern wie sie in den Kopf eindringt, wie sie Menschen verändern und zerstören kann. Kann, aber nicht muss: Mahnaz Mohammadi geht es um die Möglichkeiten des Widerstands. Den winzigen Spielraum dafür zeigt sie in der Schlusssequenz – es ist allerdings der unrealistischste Teil des Films.

