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WirtschaftsRundschau > Nachrichten > Kultur > „Goethe zweitklassig“ – Sebastian Haffner aus dem BR-Archiv
Kultur

„Goethe zweitklassig“ – Sebastian Haffner aus dem BR-Archiv

Uta Schröder
Zuletzt aktualisert 12. Juli 2025 17:47
Von Uta Schröder
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5 min. Lesezeit
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Im Schallarchiv des Bayerischen Rundfunks lagert ein besonderes Tondokument: Der 82-jährige Sebastian Haffner gab 1990 der Reporterin Claudia Decker in Berlin eines seiner letzten Interviews. Darin sprach er über sein Verhältnis zum Schreiben und über sein Leben. „Ich lese gern, aber ich lese gern Sachen, die ich schon kenne, und zwar gute, alte Bücher. Also ich habe wahnsinnig viel Thomas Mann wiedergelesen, jetzt im Moment lese ich einen sehr dicken Hamsun. Diese Alters-Trilogie ‚Landstreicher‘, ‚August Weltumsegler‘, ‚Nach Jahr und Tag‘ finde ich übrigens auch wieder wahnsinnig gut.“

Inhaltsübersicht
Jurist und Romancier: Haffner wollte beides zugleich seinHaffner findet eigene Bücher „nicht ganz schlecht“

Der Publizist blickte in diesem Interview auf sein Leben zurück, zeigte kaum mehr Interesse für das, was in der Zeitung stand – umso mehr für Literatur: „Das Allerbeste, und wirklich einer der Höhepunkte der deutschen Literatur in meinen Augen – ich habe es gerade wieder vollständig gelesen – ist die ‚Joseph‘-Tetralogie von Thomas Mann. Das ist ein tolles Werk. Aber wer liest es eigentlich?“ So fragte sich Haffner hochbetagt, pries Otto von Bismarck als großen „deutschen Prosaschreiber“ neben Arthur Schopenhauer und bespöttelte Goethe: „Goethe war ein Zierschreiber, der schrieb sehr zierlich, – zweite Klasse, gute, zweite Klasse.“

Jurist und Romancier: Haffner wollte beides zugleich sein

Auch über seine eigenen literarischen Werke sprach Sebastian Haffner seinerzeit. „Wann habe ich zum letzten Mal was Belletristisches geschrieben? Ich glaube doch leider 1934 in Paris.“ In diesem „leider“ schwingt ein Bedauern mit – über eine verpasste Karriere. 1929 hatte Haffner in den „Hamburger Nachrichten“ seinen Roman „Die Tochter“ in Fortsetzungen veröffentlichen können. Eine Geschichte, die in einem „vergrätzten deutschnationalen Milieu“ in Berlin-Lichterfelde spielt und in dem ein Vater darüber in Zorn gerät, „dass seine Tochter sich einen Bubikopf schneiden lässt“. Erfolglos habe er das Manuskript damals S. Fischer angeboten, so berichtet Haffner 1990 im Gespräch mit dem Bayerischen Rundfunk. Wie er über die „Wunde“ spricht, dass der Verlag es schnöde in einem „sehr formellen“ Schreiben ablehnte, merkt man, dass da einer mal weitaus höhere Ambitionen hatte.

Und tatsächlich: „Ich wollte ursprünglich – das war eigentlich so mein Berufsziel, bis Hitler kam – ich wollte einen Doppelberuf ausüben. Ich habe ja Jura studiert, ich betrachtete das als Entree-Billett zur wirklichen Machtausübung. Und zwar, weil ich nicht glaube, bis heute nicht glaube, dass die wirkliche Macht von den Politikern ausgeht. Die Macht wird von den höheren Beamten ausgeübt. Von den Staatssekretären, bis zu einem gewissen Grade von den Ministerialdirektoren. Und nebenbei wollte ich – was in Deutschland selten ist, aber in Frankreich gar nicht selten ist und auch in England vorkommt –, Romane schreiben in meiner Freizeit. Ich wollte gar nicht groß als Politiker, Machtmensch in die Öffentlichkeit, öffentlich wollte ich ein Romancier sein.“

Haffner findet eigene Bücher „nicht ganz schlecht“

Das aber verhinderte Adolf Hitler. Kurz vor dessen Machtergreifung hatte Haffner im Winter 1932 sein zweites Roman-Manuskript fertiggestellt, das dieser Tage unter dem Titel „Abschied“ aus dem Stand heraus ein Verkaufserfolg geworden ist. „Das war eigentlich gegen mich geschrieben …“, sagte Haffner 1990 über diese „Dreiecksgeschichte“, in der er ja selbst unter seinem Geburtsnamen Raimund Pretzel auftritt. Haffner hält diesen, auf realen Personen und Begebenheiten beruhenden Roman im Vergleich mit seinem „erfundenen Familienroman“ „Die Tochter“ für den „wohl etwas besseren“. Doch sei der eben „in die große Depression reingekommen“; da seien auch „neue Autoren“ aufgetaucht, das sei „hoffnungslos“ gewesen, so Haffner 1990. Auch aus diesen Worten meint man leichte Betrübnis herauszuhören.

Vermutlich aber hat der durchaus selbstkritische Autor „Abschied“ zu seinen Lebzeiten deshalb nie veröffentlicht sehen wollen, weil er sich immer an den Besten und Größten maß: „Also, wenn schon solche großen Leute wie Hamsun und Thomas Mann in gewissem Sinne umsonst gelebt haben, wie denn nun gar ich, der ich in meinen Büchern … ich meine, ich finde sie nicht ganz schlecht, ich bin mit einigen von ihnen soweit ganz zufrieden und finde das eine unterhaltende und nützliche Lektüre, aber es sind keine klassischen Werke. So gut wie andere Bestseller sind sie auch noch lange.“

Sebastian Haffners „Abschied“ ist im Hanser Verlag erschienen. Derzeit steht es auf Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste.

 

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Von Uta Schröder
Uta Schröder ist eine versierte Kulturjournalistin und leitet das Ressort Kultur der WirtschaftsRundschau. Mit ihrem umfassenden Wissen und ihrer Leidenschaft für Kunst und Kultur bietet sie tiefgehende Analysen und spannende Einblicke in die kulturelle Landschaft.
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