„Hauptsache, er vermeidet es, in Leningrad, das die Belagerung [durch die Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg] überstanden hat, mit einem Hakenkreuz-T-Shirt aufzutreten“, so die russische Propagandistin und Netz-Zensur-Aktivistin Ekaterina Misulina [externer Link] zur überraschenden Ankündigung zweier Konzerte des US-Rappers Ye, früher als Kanye West bekannt, im jetzigen St. Petersburg am 10. und 11. Oktober. Die Karten für die Auftritte kosten zwischen umgerechnet 90 und 1.600 Euro und waren in wenigen Stunden ausverkauft.
Russische Politiker und Meinungsmacher sehen sich in diesem Fall einem ideologischen „Härtetest“ ausgesetzt, denn Kanye West, einer der weltweit bekanntesten und umstrittensten Rapper, fiel in den vergangenen Jahren immer wieder mit wüsten rechtsextremistischen Wortmeldungen auf. So bekannte er 2022, er „liebe“ Hitler, wofür er sich später entschuldigte, nur um danach abermals zu betonen, er sei ein „Nazi“.
Die russische Propaganda bezeichnet allerdings konsequent die ukrainische Regierung als „Nazi-Regime“ und will den Eindruck erwecken, das Land kämpfe, wie einst im Zweiten Weltkrieg, gegen „Nazis“ im In- und Ausland.
„Moralische Standards verlieren an Bedeutung“
Entsprechend wild tobt der Streit unter russischen Beobachtern um Kanye Wests Tournee-Station in St. Petersburg. So sprach die auflagenstarke Zeitung „Moskowski Komsomolez“ von einer „leicht unheimlichen Atmosphäre“ und kommentierte bemerkenswert ironisch [externer Link]: „In dieser Situation ist Kanye West, als Künstler mit einer offensichtlich paranormalen Ader, genau am richtigen Ort. Ein Hauch von Schizophrenie, der dem Charisma eines Stars nie schadet, wird (wenn alles gut geht) in einem vollkommen harmonischen Umfeld seinen Platz finden.“
Einer der anonymen russischen Publizisten meinte sarkastisch [externer Link]: „Es ist überraschend, dass die russische Kulturpolitik der letzten Jahre das Publikum darauf konditioniert hat, den Kampf gegen den Nationalsozialismus als zentralen Wert zu betrachten, und nun hat sie offenbar nichts gegen Amerikas exzentrischsten Hitler-Verehrer einzuwenden. Die Erklärung dafür ist vermutlich recht einfach: Ideologie eignet sich gut als außenpolitisches Instrument, aber viel weniger als Leitfaden für Konsumverhalten. Wenn es um das Konzert eines populären Künstlers geht, verlieren moralische Standards plötzlich an Bedeutung.“
„Eine Art kulturelles Plebiszit“
Militärblogger Roman Aljechin (118.000 Fans) unterstellte seinen Landsleuten eine Abstimmung mit den Füßen [externer Link]: „Ich behaupte nicht, dass jeder Ticketkäufer damit gegen die Sowjetunion stimmt oder die amerikanische Politik unterstützt. Aber sie stimmen mit ihrer Aufmerksamkeit, ihrer Zeit und ihrem Geld ganz sicher für ein bestimmtes Kulturprodukt. Es ist eine Art kulturelles Plebiszit. Man kann so viel über die Konfrontation mit dem Westen, Souveränität, traditionelle Werte und unsere eigene Zivilisation reden, wie man will. Doch dann taucht ein amerikanischer Superstar auf – und Zehntausende unserer Landsleute sind bereit, viel Geld auszugeben, nur um mit ihm im selben Stadion zu sein.“

