Auf dem Bolzplatz zählen keine Vereinszugehörigkeit und keine festen Trainingszeiten. Wer da ist, spielt mit. Genau diese Offenheit macht für den Sportwissenschaftler Jürgen Mittag den besonderen Wert der Bolzplatzkultur aus. Anfang des Jahres wurde sie in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes (externer Link) aufgenommen. „Es geht nicht um den einen Bolzplatz in seiner materiellen Art, sondern um die Bolzplatzkultur“, sagt Jürgen Mittag, Professor am Institut für Europäische Sportentwicklung und Freizeitforschung der Deutschen Sporthochschule Köln.
Kinder und Jugendliche kämen dort „frei zusammen“, ohne Trainer, Vereinsstrukturen oder andere Kontrollinstanzen. Regeln würden immer wieder neu ausgehandelt. Die Bolzplatzkultur sei deshalb „gelebte Kindheits- und Jugendkultur, die weitgehend ohne elterliche oder sonstige Kontrolle stattfindet“.
Vom Straßenfußball zum Bolzplatz
Bolzplätze entstanden vor allem in den 1960er- und 1970er-Jahren. Zuvor wurde vielerorts noch auf der Straße Fußball gespielt. Mit dem zunehmenden Autoverkehr änderte sich das. „Der Verkehr war weitaus geringer“, erklärt Mittag mit Blick auf die Nachkriegszeit. Als die Zahl der Autos stieg und Wohngebiete dichter bebaut wurden, sei das freie Spielen auf der Straße immer schwieriger geworden. Gleichzeitig wuchs die Sorge vor Schäden durch umherfliegende Bälle.
Viele Städte, Kommunen und Wohnungsbaugesellschaften hätten deshalb eigene Bolzplätze eingerichtet. Häufig entstanden sie in der Nähe von Spielplätzen. „Der Bolzplatz ist zu einem erheblichen Teil ein Spielplatz für die älteren Kinder, für Kinder und Jugendliche“, sagt Mittag.
Flächenmangel und neue Freizeitgewohnheiten
Doch die Bolzplatzkultur steht nach Einschätzung des Forschers unter Druck. Ein Grund ist der steigende Bedarf an Flächen in den Städten. „Da werden Bolzplätze dann auch mal als Parkplatz umfunktioniert oder dauerhaft entwidmet“, sagt Mittag. Auch Wohnungsbau oder Gewerbeprojekte hätten dazu beigetragen, dass vielerorts Spielflächen verschwunden seien.
Hinzu komme ein verändertes Freizeitverhalten. Digitalisierung und Ganztagsschule konkurrierten mit den Nachmittagen auf dem Bolzplatz. „Die Ganztagsschule erlaubt den Kindern allein schon zeitlich nicht, in der Form wie früher den Nachmittag länger auf dem Bolzplatz zu verbringen“, so der Sportwissenschaftler.
Kulturerbe soll Bewusstsein schaffen
Die Aufnahme in die Liste des immateriellen Kulturerbes soll deshalb vor allem Aufmerksamkeit schaffen. Viele Anlagen würden von Kommunen vernachlässigt, kritisiert Mittag. „Da stehen Wasserlachen drauf, die Wiese wird nicht gemäht, Tore brechen zusammen.“
Das Kulturerbe-Siegel könne helfen, „das Bewusstsein für die Bedeutung dieser Bolzplatzkultur“ zu schärfen und die Förderung zu verbessern. Ziel sei es, diese Form des Spielens und sozialen Lernens auch für kommende Generationen zu erhalten.
Mittag kennt die Bolzplatzkultur nicht nur aus seiner Forschung. „Auch meine eigene fußballerische Erfahrung fand zumindest zu einem Teil auf dem Bolzplatz statt“, sagt er. Das freie Miteinander, das Aushandeln von Regeln und auch Konflikte habe er dort selbst erlebt. Genau das mache den besonderen Charakter des Bolzplatzes bis heute aus.

