Den Machern des Star-Wars-Universums bleibt gerade ziemlich die Spucke weg. Da wurden mal wieder Abermillionen Dollar in das nächste Leinwand-Abenteuer der seit Jahrzehnten expandierenden Weltraumsaga investiert, und dann wird „The Mandalorian and Grogu“ an den US-Kinokassen mal eben von einem Low-Budget-Horrorfilm überholt und pulverisiert.
Gen-Z-Regisseur erobert das Kino
Mit nur 750.000 Dollar Produktionskosten hat „Obsession“ einen Bruchteil dessen gekostet, was der Disney-Konzern in seine von langer Hand geplanten Blockbuster investiert hat. Und Regie-Autodidakt Curry Barker, 26 Jahre jung und bekannt geworden durch seinen YouTube-Kanal „That’s a bad idea“, bekommt für sein Leinwand-Debüt zum einen Lob von Hollywood-Legende Steven Spielberg, der „Obsession“ gesehen und geliebt hat. Und zum anderen gelingt ihm ein Kunststück, das den großen Studios und vielen ihrer kreativen Köpfe seit Jahren nicht so recht glücken will: „Obsession“ holt die Gen-Z ins Kino, also die zwischen 1995 und 2010 Geborenen.
Wenn Liebe zur „Obsession“ wird
Den Erfolg erklärt sich Barker, Jahrgang 1999, damit, dass seine Generation genug habe von hastig umgesetzten und überproduzierten Filmen. Die Gen Z wolle gute und durchdachte Geschichten mit Figuren, die den Betrachter abholen, gern auch in der eigenen Lebenswelt. Eine Prämisse, die „Obsession“ mit seiner Ausgangssituation leicht erfüllt.
Der Film greift das generationsübergreifende Motiv einer unerfüllten beziehungsweise einseitigen Liebe auf. Denn Hauptfigur Bear wünscht sich nichts sehnlicher, als dass sich seine heimlich angehimmelte Kollegin Nikki in ihn verliebt. Und weil übernatürliche und böse Mächte die Story vorantreiben, geht Bears Wunsch radikal schnell in Erfüllung: Von einem Moment auf den nächsten ist Nikki ihrem Kollegen verfallen – ein Dämon hat von ihr Besitz ergriffen.
Horror-Potenzial in aktuellen Themen
„Obsession“ zählt damit zu jener Kategorie Horrorfilme, die aktuelle Debattenthemen in die Handlung einflechten. Und das sehr deutlich, also nicht irgendwo im Subtext versteckt. Es geht um Co-Abhängigkeit, toxische Liebe und die übergriffige Incel-Kultur, die zu sexualisierter Gewalt führen kann. Denn Bear ist zwar Typ Teddy mit Knopfaugen, sein manipulatives Verhalten hinterfragt er jedoch kaum. Bis die Situation außer Kontrolle gerät, Nikki sich zur Albtraumfrau wandelt und der Film blutiges Slasher-Gebiet betritt.
Fokus auf den Cast, nicht auf das Setting
Barkers Film punktet mit thematischer Zugänglichkeit und dem Prinzip „Kleiner Aufwand, große Wirkung“. Gedreht wurde in Allerwelts-Settings, in 08/15-Wohnungen, Bars, Auto-Innenräumen. Er setzt nicht auf technisch potenzierte Schockeffekte, sondern auf seinen beängstigend guten Cast, allen voran Hauptdarstellerin Inde Navarrette. Mit unnatürlichen Bewegungen, irrer Mimik und ihrem Spiel zwischen Wahnsinn und Verzweiflung ist sie das Epizentrum dieses extrem effizienten Horror-Highlights.
Führt die Netz-Generation die neue Kino-Bewegung an?
Manch einem vergeht angesichts dieser Erfolgsgeschichte das Lachen. Über 330 Millionen Dollar hat „Obsession“ bis dato weltweit eingespielt. Große Studiobosse befürchten deswegen, dass die jungen Youtube-Wilden das System Hollywood auf den Kopf stellen könnten. Ob die neue Netz-Generation mal so einflussreich sein wird wie die New-Hollywood-Bewegung der 1970er-Jahre, wird sich erst noch zeigen. Begrüßenswert wäre es.

