Auf den ersten Blick liest sich eine zentrale Empfehlung der Expertenkommission sehr technisch. Das von der Bundesregierung eingesetzte Gremium zur Reform des Rentensystems schlägt in seinem 33 Punkte umfassenden Katalog „die Einführung einer obligatorisch kapitalgedeckten Renten-Komponente in der Gesetzlichen Rentenversicherung“ vor.
Hinter dieser steifen Formulierung verbirgt sich allerdings eine echte Revolution: Eine Erweiterung des bisherigen, umlagefinanzierten Systems der Altersvorsorge um eine Kapitalanlage, wie sie zum Beispiel Schweden seit Jahrzehnten erfolgreich praktiziert.
Demographischer Wandel: Bisheriges Rentensystem stößt an Grenzen
In Deutschland setzt man bisher auf eine sogenannte Umlagefinanzierung. Das bedeutet, dass gesetzlich Rentenversicherte während ihres Arbeitslebens Beiträge abführen. Das Geld wird aber nicht für die jeweiligen Einzahler angespart, sondern mehr oder weniger sofort an die aktuellen Rentner ausgezahlt. Dieses System ist allerdings durch den demographischen Wandel unter Druck geraten.
Denn die Zahl der Menschen im arbeitsfähigen Alter nimmt tendenziell ab, während es gleichzeitig mehr Rentner gibt. Ein solches System lässt sich also nur aufrechterhalten, wenn entweder die Beiträge steigen, deutlich länger gearbeitet wird oder das Rentenniveau sinkt. Im ungünstigsten Fall kommen alle drei Faktoren zusammen.
Kapitalrente: Anlage statt Umlage
Einen anderen Ansatz verfolgen Altersvorsorgesysteme, die auf den Kapitalmarkt setzen. Dort werden die Rentenbeiträge für die Beitragszahler investiert, zum Beispiel in Aktien, aber auch in Start-ups oder private oder teilstaatliche Infrastrukturprojekte. Die so erwirtschafteten Renditen ergeben die späteren Rentenzahlungen.
In den USA zum Beispiel ist eine solche kapitalgedeckte Rente seit vielen Jahrzehnten üblich. Die Befürworter – darunter auch die Mitglieder der deutschen Reformkommission – argumentieren, dass die Erträge bei dieser Methode in der Regel deutlich höher ausfallen als bei einem umlagefinanzierten System.
So soll die deutsche Kapitalrente konkret aussehen
Sollte die Bundesregierung die Empfehlungen der Reformkommission umsetzen, entstünde im deutschen Rentensystem eine Mischform aus Umlage- und Kapitaldeckung. Vorbild ist dabei Schweden (externer Link). Insgesamt fließen im schwedischen System 18,5 Prozent des beitragspflichtigen Einkommens in die gesetzliche Altersvorsorge. 16 Prozent und damit das Gros gehen über ein Umlageverfahren an die aktuellen Rentner, die übrigen 2,5 Prozent werden für eine „Prämienrente“ am Kapitalmarkt angelegt.
Auf ein ähnliches Konzept zielt die Empfehlung der deutschen Experten ab. Demnach sollen künftig zusätzlich zum herkömmlichen Rentenbeitrag weitere zwei Prozent des Einkommens am Finanzmarkt investiert werden, die zur Hälfte von Arbeitnehmern und Arbeitgebern finanziert werden. Damit steigen zwar die Rentenbeiträge, dafür soll aber auch die später ausgezahlte Rente deutlich höher ausfallen.
Was kostet eine Kapitalrente – und was bringt sie?
Bei einem Bruttoeinkommen von 4.000 Euro würden bei einem Satz von zwei Prozent insgesamt 80 Euro pro Monat für die Kapitalrente eingezogen und angelegt. Da sich die Beiträge zu gleichen Teilen auf Arbeitgeber und Arbeitnehmer verteilen, würde dies für die Beitragszahler in dieser Rechnung 40 Euro pro Monat bedeuten.
Wie hoch am Ende die daraus erwirtschaftete Rente ausfällt, hängt von verschiedenen Faktoren ab. So ist bisher unklar, inwieweit der Staat das erwirtschaftete Kapital am Ende besteuert. Grundsätzlich gilt es unter Finanzexperten als gesichert, dass eine langfristige Investition am Aktienmarkt klassische, sehr auf Sicherheit bedachte Anlageformen bei der Rendite schlägt. Die Rentenkommission hat dabei für ihre Berechnungen jährliche Renditen von drei bis fünf Prozent zugrunde gelegt, was als eher vorsichtig gilt.
Rendite dank Kapitalrente bedeutet auch Risiko
Werden wie im oben genannten Beispiel 40 Jahre lang monatlich 80 Euro eingezahlt, summieren sich Beiträge, Rendite und der Zinseszinseffekt bei einer angenommenen Rendite von fünf Prozent auf mehr als 120.000 Euro. Es stünden also allein aus diesem Baustein der Altersvorsorge monatlich 500 Euro Rente zur Verfügung, wenn man eine Auszahlung über 20 Jahre annimmt. Dabei sind Lohnsteigerungen im Laufe eines Arbeitslebens und damit steigende Beiträge noch gar nicht eingerechnet.
Ein potentielles Risiko bei diesem Modell sind starke Schwankungen an den Finanzmärkten. In Schweden ist das System deshalb so ausgelegt, dass der staatliche Fonds die Gelder der Beitragszahler zunehmend von Aktien in Anleihen umschichtet, wenn der Renteneintritt naht.

