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WirtschaftsRundschau > Nachrichten > Kultur > „Kommunismus ist Kindersache“: Platonows „Baugrube“ in München
Kultur

„Kommunismus ist Kindersache“: Platonows „Baugrube“ in München

Uta Schröder
Zuletzt aktualisert 28. Februar 2025 08:48
Von Uta Schröder
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4 min. Lesezeit
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„Kommunismus ist Kindersache“, heißt es am Schluss von Andrei Platonows (1899 – 1951) sowjetischem Roman-Klassiker „Die Baugrube“. Die Erwachsenen sind demnach von der neuen, wegweisenden Ideologie total überfordert. Sie ackern und schuften zwar bis zum Umfallen an den Fundamenten zu einem „Proletarischen Gemeinschaftshaus“, doch das Projekt wird auf den Planzeichnungen immer gigantischer, in der Realität immer aussichtsloser.

Inhaltsübersicht
Erinnert an Goethes „Faust“„Errungenschaften“ im Radio„Platonows Weltbild ist der Wahnsinn“Also graben wir weiter!

Erinnert an Goethes „Faust“

Alle Hoffnungen richten sich auf die nächste Generation, versinnbildlicht vom Waisenmädchen Nastja. Doch die stirbt den Kältetod und wird im tiefsten aller Gräber bestattet, auf dass die „Würmer und Wurzeln“ sie niemals erreichen. Der Stoff erinnert sehr an den zweiten Teil von Goethes „Faust“, wo der erblindete Titelheld in seinem Größenwahn ja auch riesenhafte Ausschachtungsarbeiten zur Trockenlegung ganzer Landstriche anordnet und nicht merkt, dass die vermeintlich fleißigen Lemuren um ihn herum nur sein Grab schaufeln.

An der Bayerischen Theaterakademie August Everding ließ sich die Schweizer Regisseurin Fabiola Kuonen vom Platonow-Roman zu einem 90-minütigen Theaterabend in der kargen Spielstätte „Reaktorhalle“ neben der Münchner TU inspirieren. Für die illusionäre Baugrube entwarf Bühnenbildnerin Sanja Halb ein Gestänge wie an einem Hochspannungsmasten, samt Isolatoren: Kommunismus ist Elektrifizierung!

„Errungenschaften“ im Radio

Unermüdlich klettern die Arbeiter darauf herum, zanken sich, raufen sich, vertragen sich und philosophieren über die Wege zum Sozialismus und die Glücksverheißungen des Materialismus, der ihrer festen Überzeugung nach eines Tages auch die Toten wieder lebendig machen wird. Zur Entspannung lauschen sie den neuesten „Errungenschaften“ im Radio. Nebenbei schimpfen sie auf die „Kulaken“, also die wohlhabenden Bauern, die an allem Elend schuld sind und träumen davon, sie samt und sonders auf ein Floss zu verfrachten, auf dass die alle auf dem offenen Meer verrecken mögen.

Marylène Salamin hatte dazu Musik im Maschinenrhythmus geschrieben: Der Sozialismus wird in abgehackten Versen besungen, gepriesen, herbeigefleht – wie eine düstere Parodie auf ein Lehrstück von Bertolt Brecht. Bemerkenswert, dass über diese fulminante Groteske so wenig gelacht wurde. So ist der „Trübsinn“ auf der Baustelle quasi behördlich verboten, was nicht allen Malochern gleichermaßen leicht fällt: In Platonows Romanvorlage hat Arbeiter Wostschew „wegen Grübelns inmitten des allgemeinen Arbeitstempos“ seine vorherige Stelle verloren.

„Platonows Weltbild ist der Wahnsinn“

Fabiola Kuonen nannte ihre Inszenierung im Programmheft „Affekttheater“, wollte das sperrige Thema Menschheitsbeglückung erklärtermaßen emotional angehen. So richtig zu Herzen ging der Abend jedoch nicht: Platonows bitterböser Abgesang auf den „Neuen Menschen“ wirkte mehr wie ein Requiem als eine Satire, zumal in einem melancholischen „Nachwort“ auch noch dem schmählichen Ende dieser Gleichheits-Utopie nachgetrauert wurde. Hat der Kommunismus der frühen Sowjetunion so viel Anteilnahme verdient?

Gleichwohl war es kurzweilig, diesem rasanten, gescheiten und mit Puppenspiel angereichertem Theater-Experiment zuzuschauen, obwohl linke Ideologien heutzutage ja wirklich gerade keine Konjunktur haben und der „Neue Mensch“ unserer Tage weniger ans Paradies auf Erden glaubt als an Fake News. Russische Literaturexperten warnten 2019 übrigens davor, Platonows „Baugrube“ in die Hände von Schulkindern zu geben: Dessen Weltbild sei ja wohl der „Wahnsinn“.

Also graben wir weiter!

Platonow lässt seinen Roman mit der achselzuckenden Einsicht eines Arbeiters enden: „Ich glaube nicht mehr an den Kommunismus.“ In der DDR-Übersetzung von 1989 wurde daraus: „Ich glaube an gar nichts mehr.“ Eine bemerkenswerte Diskrepanz, denn ob jemand „nur“ den Glauben an den Kommunismus verloren hat oder überhaupt an allem, macht schon einen Unterschied. Mit dem totalen Nihilismus wollten sie sich in der Münchner Reaktorhalle offenbar nicht abfinden, der Mensch brauche doch irgendeine Utopie. Also graben wir weiter!

Wieder am 28. Februar und 1. März in der Theaterakademie August Everding in der Spielstätte Reaktorhalle in der Münchner Luisenstraße 37 a.

 

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Von Uta Schröder
Uta Schröder ist eine versierte Kulturjournalistin und leitet das Ressort Kultur der WirtschaftsRundschau. Mit ihrem umfassenden Wissen und ihrer Leidenschaft für Kunst und Kultur bietet sie tiefgehende Analysen und spannende Einblicke in die kulturelle Landschaft.
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