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WirtschaftsRundschau > Nachrichten > Kultur > Warum Trump und Putin als „Katechon“ bezeichnet werden
Kultur

Warum Trump und Putin als „Katechon“ bezeichnet werden

Uta Schröder
Zuletzt aktualisert 19. Juni 2026 12:46
Von Uta Schröder
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6 min. Lesezeit
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Wer nach einem Begriff sucht, um die Widersprüche und ideologischen Volten der autoritären Rechten besser zu verstehen, stößt irgendwann zwangsläufig auf einen Begriff aus der christlichen Theologie: Katechon. Seit einigen Jahren taucht das altgriechische Wort immer wieder in rechten Debatten auf – als rätselhafte Deutungsfigur braun-esoterischer Visionen von Geschichte, Politik und Ordnung.

Inhaltsübersicht
Unbestimmtheit als VorteilKirche, Staat, imperiale OrdnungEinfache Deutung in schwierigen ZeitenMal Putin, mal TrumpDie Lesart von Peter Thiel

„Katechon“ stammt aus der Bibel. Genauer: dem Zweiten Brief an die Thessalonicher im Neuen Testament, der vermutlich vom Apostel Paulus verfasst wurde oder von einem seiner Schüler. Die frühen Christen lebten in Erwartung der baldigen Wiederkehr Christi und des nahen Weltendes.

Diese Erwartung erfüllte sich jedoch nicht sofort – ein Umstand, den die Theologie später als „Parusieverzögerung“ bezeichnete. Der Katechon bezeichnet in dieser Deutung eine geheimnisvolle Kraft, die den Antichristen aufhält und damit die Apokalypse verhindert.

Unbestimmtheit als Vorteil

Wie passt dieser Begriff nun in rechtsnationalistisches Gedankengut? „Es geht um eine bildungshubernde Aufwertung des eigenen Vokabulars“, sagt der Historiker und Publizist Volker Weiß. In seinem kürzlich erschienenen Buch „Katechon: Zur Wiederkehr der politischen Theologie in der Gegenwart“ zeichnet er die Geschichte und politische Karriere des Begriffs nach. Zugleich lasse sich in der Politik der Rechten eine Wiederkehr der Religion beobachten, sagt Weiß.

Wer oder was dieser Katechon ist, bleibt im biblischen Text offen. Gerade diese Unbestimmtheit macht den Begriff bis heute anschlussfähig. „Der Vorteil der Katechonfigur ist letztlich, dass sie unbestimmt bleibt“, sagt Weiß. Anders als beim Messias sei nicht festgelegt, wer diese Rolle ausfüllt. Dadurch lasse sich die Figur flexibel politisch besetzen.

Kirche, Staat, imperiale Ordnung

Schon früh versuchten Theologen diese Leerstelle zu füllen. Der Kirchenvater Tertullian sah um das Jahr 200 herum etwa das Römische Reich als Katechon – nicht wegen seiner moralischen Qualität, sondern weil es eine bestehende Ordnung garantierte. Der Katechon muss demnach nicht gut sein; entscheidend ist allein, dass er etwas vermeintlich Schlimmeres aufhält.

Der Begriff wurde später immer wieder unterschiedlich angewendet: mal auf die Kirche, mal auf den Staat, mal auf die imperiale Ordnung. Im 20. Jahrhundert griff Carl Schmitt – der wohl führende Staatsrechtler der Nationalsozialisten– den Begriff auf und machte ihn zu einem zentralen Element seiner politischen Theologie.

Einfache Deutung in schwierigen Zeiten

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs sah Schmitt im Katechon eine Kraft, die den Zerfall der politischen Ordnung aufhält. Besonders der Liberalismus der Amerikaner erschien ihm dabei als Bedrohung. Der Katechon wurde bei Schmitt so zum Symbol des Widerstands gegen einen progressiven politischen und gesellschaftlichen Wandel.

Es überrascht daher kaum, dass der Begriff des Katechon gerade jetzt wieder Konjunktur hat. Krieg, Krisen, taumelnde Demokratien und autokratische Führungsfiguren begünstigen das Bedürfnis nach einfachen Deutungen. Genau das liefert der Katechon: das Narrativ eines apokalyptischen Kampfes zwischen dem Antichristen und einem mächtigen Aufhalter, der sich ihm entgegenstellt und den Untergang abwendet.

Mal Putin, mal Trump

So eine Denkfigur ist natürlich besonders anschlussfähig für rechtspopulistische und rechtsextreme Ideologien. Sie besetzen die Figur des Aufhalters nämlich konkret: Der russische Ultranationalist und Ideologe Alexander Dugin stilisiert Wladimir Putin zum katechontischen Potentaten –zum Ein-Mann-Bollwerk gegen eine postmoderne, dekadente, liberale Weltordnung. In den USA wiederum sehen fundamentalistische Christen und Teile der MAGA-Bewegung natürlich in Donald Trump den Katechon. Auch der AfD-Politiker Maximilian Krah griff den Begriff auf und fragte im Februar 2025 auf X: „Ist Trump der Katechon?“ Nachdem Trump mit seiner disruptiven Politik Stück für Stück die Fundamente amerikanischer Politik zerstörte, war Krah sich dessen dann sicher.

Für Volker Weiß zeigt sich darin die Beliebigkeit der Figur. „Was des einen Katechon, ist des anderen Satan“, sagt er. Nahezu jede politische Figur könne so bezeichnet werden, solange sie gegen das jeweils definierte Feindbild kämpft. Entscheidend ist nicht die Person, sondern die zugeschriebene Funktion.

Die Lesart von Peter Thiel

Noch weiter von seinem theologischen Ursprung entfernt sich der Begriff bei Tech-Milliardär Peter Thiel. In seiner Lesart verkörpert nicht mehr ein Staat oder Herrscher den Katechon, sondern technologische Innovation. Jene Technologie, mit der Tech-Oligarch Thiel seine eigene ökonomische Expansion vorantreibt. Fortschritt wird zu einer Art letzten Verteidigungslinie gegen den drohenden Niedergang. Bei Thiel dient der Katechon der Legitimation eines radikalen Libertarismus, der staatliche Regulierung und Kontrollinstanzen als Hindernisse begreift und allein technischen Fortschritt als Heilsversprechen deutet.

Der Katechon ist damit längst kein theologisches Rätsel mehr. In den Visionen und Fieberträumen der Neuen Rechten ist er zu einem elastischen politischen Kampfbegriff geworden – und zum Bestandteil einer Erzählung, die autoritäre Herrschaft als einzig denkbare Antwort auf eine liberale Weltordnung erscheinen lässt.

 

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Von Uta Schröder
Uta Schröder ist eine versierte Kulturjournalistin und leitet das Ressort Kultur der WirtschaftsRundschau. Mit ihrem umfassenden Wissen und ihrer Leidenschaft für Kunst und Kultur bietet sie tiefgehende Analysen und spannende Einblicke in die kulturelle Landschaft.
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