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WirtschaftsRundschau > Nachrichten > Kultur > Wenn Männer laufen lernen: Darum ist „Kinky Boots“ so aktuell
Kultur

Wenn Männer laufen lernen: Darum ist „Kinky Boots“ so aktuell

Uta Schröder
Zuletzt aktualisert 30. Oktober 2025 09:46
Von Uta Schröder
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4 min. Lesezeit
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Wenn ein Musical aus der Zeit gefallen ist, liegt das keineswegs immer am Musical. Manchmal ist es eher die Zeit, die ein paar Schritte rückwärts geht. Jedenfalls hat es die Vielfalt heutzutage wieder viel schwerer als vor zehn, zwanzig Jahren. Manche müssen sich für einen Lebensstil rechtfertigen, der ihnen noch vor kurzem selbstverständlich vorkam – nicht nur in den Vereinigten Staaten unter US-Präsident Donald Trump. Der Regenbogen, unter dessen buntem Banner Menschen selbstbewusst ihre unterschiedlichen Identitäten und Orientierungen feiern, droht zu verblassen. In Russland ist er sogar förmlich verboten. So gesehen war es höchste Zeit, im Deutschen Theater München „Kinky Boots“ auf den Spielplan zu setzen.

Inhaltsübersicht
Wahre BegebenheitLauter nette LeuteDringend nötige Botschaft

Wahre Begebenheit

Das Stück, dessen Titel so viel wie „Nuttige, abgedrehte Stiefel“ bedeutet, beruht auf einer wahren Begebenheit. Ende der neunziger Jahre drehte die britische BBC eine Doku über eine nordenglische Schuhfabrik, die vor der Pleite stand und sich mit Spezialanfertigungen für Dragqueens rettete, also Stiefel mit besonders robusten Stiletto-Absätzen anbot. Aus der Story wurde ein paar Jahre später ein Kinofilm und schließlich im Oktober 2012 ein Musical mit dem Textbuch von Harvey Fierstein und der Musik von Cyndi Lauper.

Am New Yorker Broadway und im Londoner West End war „Kinky Boots“ höchst erfolgreich, in Deutschland fremdelte das Publikum mit dem sehr angloamerikanischen Stoff. Auch die Münchner Tournee-Produktion, die bis Februar nächsten Jahres noch in Zürich, Berlin und Oberhausen Station machen wird, ist englischsprachig, was den Zuschauerkreis naturgemäß erheblich einschränkt.

Lauter nette Leute

Regisseur Nikolai Foster und Choreografin Leah Hill lassen den Abend höchst professionell, aber auch etwas unterkühlt abschnurren. Das Hauptproblem: Die Handlung ist nach einer halben Stunde nicht nur absehbar, sondern auserzählt, danach werden die angedeuteten Konflikte und Herzschmerz-Konstellationen mehr oder weniger mühselig abgearbeitet. Vor allem nach der Pause gibt es dramaturgische Durchhänger. Zum Finale freilich – als die neue Stiefelkollektion bei der Modewoche in Mailand vorgeführt wird – ist die Stimmung dann bestens.

Mit anderen populären Stücken aus dem britischen Arbeitermilieu, etwa „Ganz oder gar nicht“ („The Full Monty“), kann „Kinky Boots“ trotz des Disco-Glamours und der signalroten Fetisch-Stiefel nicht mithalten. Dazu ist die Wohlfühl-Atmosphäre zu aufdringlich, sind die Charaktere zu konturlos: Der Immobilienhai, der durch die Handlung schwimmt, ist ebenso brav und bieder wie Schuhfabrik-Erbe Charlie Price und Dragqueen Lola. Lauter nette Leute, die in der Provinz zwar eine schwierige Kindheit hatten, aber alle ihre Streitigkeiten mit Zuckerwatte und einer beschaulichen Hymne aus der Welt schaffen. Sogar der spontane Boxkampf ist nicht mehr als eine ungemein höflich ausgetragene Meinungsverschiedenheit.

Dringend nötige Botschaft

Trotzdem ist „Kinky Boots“ sehens- und hörenswert, einerseits wegen der überzeugenden Besetzung und der Ausstattung von Robert Jones, andererseits wegen der dringend nötigen Botschaft für Toleranz und Lebensfreude. Ja, in den (teils) prüden USA prallen die Moralvorstellungen sehr viel härter aufeinander als bei uns in Deutschland, deshalb sind solche Musicals dort auch gesellschaftspolitisch ungleich bedeutsamer. Allerdings gilt auch in Europa, dass Emanzipation niemals ein Zustand ist, sondern immer nur ein in die Zukunft offener Entwicklungsprozess, der jederzeit ausgebremst werden kann.

Autor Harvey Fierstein hadert in seinen Lebenserinnerungen übrigens sehr mit „Kinky Boots“: Die Uraufführung war ein furchtbarer Misserfolg, erst nach einigen Änderungen und Straffungen begeisterte das Musical die Zuschauer. Und was ist nach Fiersteins Ansicht der Grund dafür? Die Story richte sich weniger an die Regenbogen-Szene als an heterosexuelle ältere Männer, die ihre Vaterkonflikte aufarbeiten müssten, also zum Beispiel Firmenerben. Auch die haben Vielfalt verdient, und manchmal lernen sie sogar alleine zu gehen – sogar auf ganz hohen Absätzen!

Bis 9. November 2025 im Deutschen Theater München

 

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Von Uta Schröder
Uta Schröder ist eine versierte Kulturjournalistin und leitet das Ressort Kultur der WirtschaftsRundschau. Mit ihrem umfassenden Wissen und ihrer Leidenschaft für Kunst und Kultur bietet sie tiefgehende Analysen und spannende Einblicke in die kulturelle Landschaft.
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