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WirtschaftsRundschau > Nachrichten > Kultur > Wie bayerische Fabrikanten auf dem Baumwollmarkt mitmischten
Kultur

Wie bayerische Fabrikanten auf dem Baumwollmarkt mitmischten

Uta Schröder
Zuletzt aktualisert 12. Januar 2025 10:46
Von Uta Schröder
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4 min. Lesezeit
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Im Oktober 1907 findet in Atlanta, im Bundesstaat Georgia, die bis dato weltweit größte Baumwollkonferenz statt. Eine Delegation von mehr als 100 europäischen Textilunternehmern reist an den Cotton Belt, darunter auch ein halbes Dutzend aus Bayern, genauer: aus Augsburg und Kempten. Ziel der Reise ist es, sich ein Bild der Produktions- und Handelsbedingungen von Baumwolle zu machen und direkt mit den Produzenten, Versicherern, Verschiffern und der Baumwollbörse ins Gespräch zu kommen.

Inhaltsübersicht
Baumwolle das Erdöl des 19. JahrhundertsKleine Verhandlungserfolge

Der Leiter der Spinnerei und Weberei Kottern, Alfred Kremser aus dem damaligen Dorf Kottern – heute ein Stadtteil Kemptens – dokumentierte die Reise: Fotos vom Verwiegen, Verpacken und Verschiffen der Baumwolle. Bilder von hoch aufgetürmten Baumwollballen und wie schwarze Arbeiter den Rohstoff im Hafen von Savannah verladen.

Die Aufnahmen zeigen vor allem, dass für die schwere körperliche Arbeit noch immer allein schwarze Arbeiterinnen und Arbeiter zuständig sind, wie vor dem Bürgerkrieg in den 1860er Jahren, der eigentlich die Abschaffung der Sklaverei mit sich gebracht hatte. Die Fotografien lagern – übrigens zusammen mit jener Kamera, einer Kodak Brownie No 2, mit welcher der Firmenchef aus Kottern unterwegs war – im Depot des Staatlichen Textil- und Industriemuseums Augsburg.

Baumwolle das Erdöl des 19. Jahrhunderts

Die Bilder erzählen allerdings nicht nur von der Baumwollproduktion am Cotton Belt, sondern auch von den Interessen der bayerischen Textilindustrie, allen voran: möglichst niedrige und stabile Preise für möglichst beste Qualität des international höchst begehrten Rohstoffs Baumwolle.

„Baumwolle hat im 19. Jahrhundert den Stellenwert, den Erdöl im 20. Jahrhundert hat“, sagt Karl Borromäus Murr, Leiter des Staatlichen Textil- und Industriemuseums Augsburg über die Baumwolle als dem wichtigsten Handelsgut seit Beginn des 19. Jahrhunderts. „Das hat Baumwolle so bedeutend gemacht und zugleich war sie etwa ab 1900 Gegenstand von Börsenspekulationen geworden, die rein durch die Manipulation der Baumwollpreise versucht haben, den Preis hochzutreiben und ein Vielfaches an Wert zu generieren. Das hat letzten Endes die Realindustrie, die ja mit dem Rohstoff arbeiten musste, komplett in die Defensive gezwungen.“ Auch die bayerischen Textilunternehmer.

Die Firmenchefs, allen voran auch Adolf Waibel, Direktor der mechanischen Baumwollspinnerei und Weberei Augsburg, hatten daher größtes Interesse bei ihren Verhandlungen 1907 mit den US-amerikanischen Baumwollproduzenten und der Baumwollbörse möglichst viele Mechanismen, die zu höheren Preisen führten, auszuschalten. Außerdem setzten sie alles daran, um Qualität und Quantität der Baumwollernten am Cotton Belt auch nur irgendwie zu beeinflussen. Am liebsten hätten sie sogar das Saatgut ausgewählt, mit dem die Baumwollproduzenten in den USA arbeiteten.

Kleine Verhandlungserfolge

Was war das Fazit der bayerischen Textilunternehmer nach ihrer Reise 1907? „Die wichtigste Erkenntnis, denke ich, war die Wahrnehmung der Komplexität dieses Baumwollgeschäfts und welche Faktoren man akzeptieren musste und trotz guten Willens nicht aushebeln konnte, eben, dass man direkt kauft bei den Baumwollfarmen“, erklärt Karl Borromäus Murr. Das habe nicht funktioniert.

Immerhin kleinere Verhandlungserfolge konnten die bayerischen Unternehmer in Atlanta 1907 verzeichnen: darunter sorgfältigeres Entkörnen der Baumwolle sowie verbesserte Verpackungen und Transport. Genau jene Themen, die Alfred Kremser aus Kottern mit seinen Fotografien im Visier hatte. Die Fotos dokumentieren auf einzigartige Weise die Anfänge eines unberechenbaren Kapitalismus – auf Kosten der schwarzen Bevölkerungsschicht – und zeigen, wie komplex und riskant globale Produktionsverhältnisse und Handelsbeziehungen sind. Sehr lange Zeit, bevor es den Begriff „Globalisierung“ gab.

 

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Von Uta Schröder
Uta Schröder ist eine versierte Kulturjournalistin und leitet das Ressort Kultur der WirtschaftsRundschau. Mit ihrem umfassenden Wissen und ihrer Leidenschaft für Kunst und Kultur bietet sie tiefgehende Analysen und spannende Einblicke in die kulturelle Landschaft.
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