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WirtschaftsRundschau > Nachrichten > Kultur > „Wirklich starke Frau“: Wie lassen sich Operetten entstauben?
Kultur

„Wirklich starke Frau“: Wie lassen sich Operetten entstauben?

Uta Schröder
Zuletzt aktualisert 18. August 2026 20:46
Von Uta Schröder
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5 min. Lesezeit
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Ist von der Operette die Rede, gehen nicht wenige sofort in Deckung, weil sie damit seichte Musik, altertümliche Texte und eine kitschtriefende Optik verbinden. Im oberösterreichischen Bad Ischl, beim „größten Operettenfestival Europas“, arbeiten sie folglich nach Kräften daran, das betuliche Image der Operette gründlich zu modernisieren. Kaum eine Inszenierung, in der antiquierte Geschlechterrollen und dämliche Handlungssprünge nicht ironisch kommentiert werden.

Inhaltsübersicht
„Vom Gefühl her eigentlich das Original“„Fassung gab es nur in Fragmenten“Nostalgie für Pralinen angemessener als für Theater

In dieser Saison, die noch bis 30. August andauert, begeisterte das Festival die Zuschauer u.a. mit gründlich entstaubten, stark beschleunigten Versionen von Emmerich Kálmáns „Gräfin Mariza“ und Franz Lehárs „Der Göttergatte“. Intendant Thomas Enzinger: „Es ist eine Mischung, weil wir wirklich versuchen, Operette auf höchstem Niveau zu machen. „Wir versuchen, nicht altbacken, nicht museal zu sein. Trotzdem versuchen wir, die Stücke nicht zu zertrümmern, und diese Mischung schafft einfach Vertrauen.“

„Vom Gefühl her eigentlich das Original“

Für das kommende Jahr kündigte Enzinger eine Inszenierung von Lehárs populärer „Lustiger Witwe“ an, und zwar in einer verjazzten Fassung, die erstmals 1928 in Berlin herauskam. Damals scherte man sich im kommerziellen Showgeschäft wenig um Werktreue und passte die ursprünglich 1905 uraufgeführte Operette konsequent dem großstädtischen Zeitgeschmack an.

Vor ein paar Jahren hat Thomas Enzinger diese Version der „Lustigen Witwe“ in Dortmund inszeniert. Kennzeichnend war dabei die Profilierung der Titelpartie. 1928 wurde sie vom damaligen Superstar Fritzi Massary (1882–1969) gespielt, und die legte Wert auf Emanzipation: „Was mir besonders gefällt an dieser Fassung“, so Enzinger, „ist, dass die Figur der Witwe hier noch mehr eine wirklich starke, selbstbewusste Frau ist, noch mehr als im Original, auch mit Verletzungen in ihrem Gefühlsleben. Sie macht eine Entwicklung durch. Vom Gefühl her ist es eigentlich das Original, aber erweitert um Revue.“

„Fassung gab es nur in Fragmenten“

Eine genaue Rekonstruktion der „Lustigen Witwe“ aus der Weimarer Republik ist übrigens nicht mehr möglich, es fehlt an den authentischen Unterlagen, so der Intendant: „Das ist eine Fassung, die gab es nur in Fragmenten, die ist nicht original mehr erhalten, aber zum Teil sind die Noten erhalten, zum Teil die Liedtexte. Die szenischen Texte an sich sind bisher noch nicht aufgefunden worden. Was da genau abgehandelt wurde, weiß man nur von der Inhaltsangabe, aber nicht definitiv, wie die Szenen geschrieben wurden.“

Da ist also etwas Fantasie gefragt, vor allem jedoch der Mut, die Operette in der Gegenwart ankommen zu lassen. Sie soll nicht muffig und süßlich duften, sondern wie einst wieder näher ans Kabarett rücken, Gesellschaftskritik enthalten.

Das wird im kommenden Jahr auch bei den „Lustigen Nibelungen“ von Oscar Straus (1870–1954) der Fall sein. In der beißenden Satire ist Siegfried kein Drachentöter, sondern ein Sektfabrikant, und wird nicht nur ein Opfer seiner Bildungslücken, sondern auch eines Bankencrashs.

Nostalgie für Pralinen angemessener als für Theater

„Das ist ja das Tolle, gerade an diesem Stück, dass da so viele Parallelen zur Gegenwart drinnen sind, ohne dass man jetzt richtig mit der Pauke kommen muss und noch weniger mit einem erhobenen Zeigefinger“, so Thomas Enzinger, „sondern dass man es wirklich auf satirisch-witzige, parodistische Weise rüberbringt und dass man einfach als Zuschauer drin sitzt, herzhaft lacht und dann vielleicht sogar was mitnimmt und sich sagt, wie wahnsinnig diese Zeit eigentlich geworden ist.“

Natürlich ist es anstrengender und teurer, auch riskanter, Operetten zu aktualisieren, statt sie nur aus der historischen Vitrine zu holen und immer wieder so aufzuführen, wie sie vor Jahrzehnten mal zu sehen waren. Doch nichts altert schneller als Humor, und auch das Zeit- und Rhythmusgefühl ist heute deutlich rasanter als vor dem Netz-Zeitalter.

In Bad Ischl wollen sie sich dieser Herausforderung stellen, obwohl bei den „Kaisertagen“ verkleidete Statisten die gute alte K.u.K.-Zeit wieder aufleben lassen und der örtliche Einzelhandel ganz gut von Nostalgie lebt. Doch die ist für Pralinen womöglich angemessener als für das Theater.

Lehár-Operettenfestival in Bad Ischl, noch bis 30. August 2026

 

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Von Uta Schröder
Uta Schröder ist eine versierte Kulturjournalistin und leitet das Ressort Kultur der WirtschaftsRundschau. Mit ihrem umfassenden Wissen und ihrer Leidenschaft für Kunst und Kultur bietet sie tiefgehende Analysen und spannende Einblicke in die kulturelle Landschaft.
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