Sieben Millionen Menschen gehen in den nächsten zehn Jahren nach und nach in den Ruhestand. Die Bundesagentur für Arbeit zitiert oft diese Zahl aus der Statistik. Denn jeder freie Arbeitsplatz könnte ja mit einem der vielen Jobsuchenden besetzt werden. Und da mit den Babyboomern starke Jahrgänge die Arbeitswelt verlassen, ist das vielleicht eine Chance für ebenso viele andere, die ihre Stelle verloren haben oder eine Neue suchen.
Gibt es demnächst also Jobs wie Sand am Meer? Das wäre zu einfach gerechnet – meint Professorin Melanie Arntz, Vizedirektorin beim Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung, IAB, auf Nachfrage von BR24. Wie sollte man dann rechnen?
Konjunkturkrise begrenzt das Angebot an Jobs
Einer geht – die andere kommt: leider funktioniert Personalpolitik so nicht, gerade in der Konjunkturdelle. Da wird Personal abgebaut, weil die Aufträge fehlen oder die Steuereinnahmen sinken. Die Unternehmen schauen genau hin, ob sie eine Kraft ersetzen müssen. Und viele Kommunen verhängen dort, wo es geht, ein Einstellungsverbot.
Das macht es gerade jetzt vielen schwer, eine neue Stelle zu finden. Die Zahl der Arbeitslosen steigt zwar langsam aber stetig. „Da baut sich ein Sockel auf“, hat Andrea Nahles, die Chefin der Bundesagentur für Arbeit, schon öfter gewarnt. Dabei gehen schon jetzt die ersten Babyboomer in Rente.
Aber selbst wenn der Aufschwung kommen sollte, löst sich das Problem nicht von allein. Grund ist laut IAB-Forscherin Arntz die Transformation, also der digitale und ökologische Umbau der Wirtschaft.
Transformation macht Personaler vorsichtig
Kurz nach der Pandemie wurden zwei Millionen offene Stellen gemeldet – zuletzt war es nur noch eine Million. Das kann sich ändern – laut IAB wird der Prozess aber noch andauern. Denn wer den Betrieb anders aufstellt, der holt sich nicht gleich neues Personal an Bord, um bisherige Kräfte zu ersetzen. Solch ein Umbau dauert, neue Geschäftsideen sind gefragt. Diese strukturellen Gründe gewinnen laut Umfragen immer mehr an Bedeutung.
Eine große Chance sieht die Forscherin Arntz im Bereich Ökologie. Das zeigt sich jetzt schon. Anbieter von Wärmepumpen oder Solaranlagen haben Probleme, Ersatz für die zu bekommen, die in Rente gehen.
KI ist nicht unbedingt der Jobkiller
Und was ist mit der Künstlichen Intelligenz. Wird die immer mehr die Babyboomer ersetzen, die jetzt gehen? Das ist für die Forschung zum Arbeitsmarkt der Zukunft immer noch die „Gretchenfrage“. Die einen sehen die Gefahr. Für sie kommt der demografische Wandel mit weniger jüngeren Berufseinsteigern gerade recht. Die anderen glauben nicht an den „Jobkiller“ KI. Sie argumentieren, es würden nur neue Berufsfelder in anderen Bereichen geschaffen.
So könnte in der Verwaltung die Kollegin KI zur Gefahr werden. Auf der anderen Seite braucht es laut einer IAB-Studie (externer Link) aber auch die, die der KI sagen, was zu tun ist und die die Technik am Laufen halten. Ein Nullsummenspiel auf dem Arbeitsmarkt – wenn denn die Jüngeren sich darauf einstellen.
Berufliche Ausbildung könnte sich lohnen
Die einen gehen, die anderen ersetzen sie: für Arbeitsmarktexpertin Arntz geht die Rechnung auch aus einem ganz anderen Grund nicht auf. In manchen Bereichen hinterlassen die Babyboomer schon allein von ihrer Ausbildung her Lücken. Viele von ihnen haben eine Lehre gemacht, ihre Kinder jedoch oft eine Hoch- oder Fachhochschulreife angestrebt.
„Das dürfte zum Beispiel in technischen Ausbildungsberufen der Fall sein, die aufgrund der ökologischen Transformation stark nachgefragt werden und kaum durch KI ersetzbar sind, während das Angebot hier mit den ausscheidenden Boomern deutlich sinkt.“ Es gibt dann also durchaus Jobs wie Sand am Meer, aber nur wenige, die dafür in Frage kommen.

