Als die russische Armee im Februar 2022 ihre großangelegte Invasion der Ukraine startete, rief der damalige Bundeskanzler Olaf Scholz eine Zeitenwende aus. Die Bundeswehr wird seither im Schnellverfahren und mit viel Geld vergrößert und modernisiert. Eine zentrale Rolle bei der Zeitenwende in der Rüstungsindustrie spielen bayerische Unternehmen, die nur wenige Jahre alt sind, aber am Finanzmarkt inzwischen teils mit Milliardensummen bewertet werden.
Bayerische Industriefertigung für ukrainisches Militär-Know-How
Quantum Systems, Arx Robotics und Helsing: Drei bayerische Spezialisten für militärische KI und unbemannte Systeme, die auch in der Ukraine im Einsatz sind. Teilweise werden ihre Drohnen und unbemannten Fahrzeuge vor Ort gefertigt, teilweise auch in Deutschland.
Dabei geht vor allem Quantum Systems einen besonderen Weg. Die junge Firma aus dem oberbayerischen Gilching hat zusammen mit einem ukrainischen Partner ein Gemeinschaftsunternehmen namens Quantum Frontline Industries (QFI) gegründet.
Produziert wird in Deutschland, das Know-How für ständige Optimierungen der „Linza“-Drohnen stammt aus den aktuellen Einsätzen des ukrainischen Militärs. So könne man deutsche Industriekapazitäten und ukrainische Gefechtserfahrung verbinden, heißt es bei der vor wenigen Monaten geründeten Firma. Das Projekt gilt als erstes seiner Art und genießt auch in der Politik große Aufmerksamkeit. So ließen sich Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj kürzlich Drohnen von QFI demonstrieren.
Statt teurer Prestigeprojekte: Schnelle, flexible militärische Massenfertigung
Spricht man mit Gründern wie Quantum Systems-Chef Florian Seibel, dann nennen sie in der Regel mehrere zentrale Punkte, bei denen die deutsche Industrie von der Ukraine lernt: So seien die Gefechte gegen russische Truppen ganz anders, als man sich dies in der Nato lange vorgestellt habe. Bundeswehr und Rüstungsindustrie müssten deswegen lernen, sich besser zu vernetzen und flexibler zu werden. Eine Konsequenz: In Zukunft sollen ukrainische Militärs im großen Stil deutsche Soldaten ausbilden.
Darüber hinaus reiche es nicht mehr, bei schweren Waffen wie Panzern überlegen zu sein. Stattdessen müsse man die Systeme digital vernetzen und mehr und mehr unbemanntes Gerät einsetzen. Darauf reagieren auch Traditionsfirmen wie der Getriebebauer Renk aus Augsburg, der in Kürze bei der Rüstungsmesse Eurosatory in Paris seinen ersten unbemannten Panzer vorstellen will.
Lieber zahlreiche und preiswerte Rüstungsgüter statt teure und wenige
Und nicht zuletzt kommt es aus Sicht des Militärs nicht mehr auf langwierig entwickelte und teure Systeme an, die dann aber nur in geringen Stückzahlen verfügbar sind. Stattdessen stellt man sich in der Industrie auf vergleichsweise preiswertes Gerät ein, das sich schnell und in großer Stückzahl produzieren lässt. Ein Beispiel sind Schwärme von günstigen Drohnen, deren Software ständig modernisiert wird. In der Branche ist von „affordable mass“ die Rede, also von „erschwinglicher Masse“.

