Die Erde ist eine Scheibe. Das Ebola-Virus hat die Pharmaindustrie erfunden. Echsenartige Reptiloiden ringen mit Außerirdischen um die Weltherrschaft, die als Katzen getarnt unter uns leben. Verschwörungsmythen gibt es viele. Doch nicht überall in Europa sind Menschen ähnlich empfänglich dafür.
„Deutschland steht ganz moderat im europäischen Vergleich da“, bilanziert Stefan Christoph. Er ist Politikwissenschaftler an der Universität Passau und Hauptautor der Metastudie: „Conspiracism in Comparison – The Case of Germany“ [externer Link]. Darin haben Forschende der Universität Passau im Rahmen des Horizon-Europe-Verbundprojekts TaCT-FoRSED [externer Link] untersucht, wie demokratische Strukturen und Verschwörungsdenken einander beeinflussen. Als Datenbasis dienten ihnen internationale Fallanalysen, Bevölkerungsbefragungen oder demokratische Indizes. Die Erhebung soll einen ersten Überblick geben, um in einem Folgeschritt Einzelstudien zu bestimmten europäischen Ländern zu erstellen.
Verschwörungstheorien in Deutschland vergleichsweise weniger verbreitet
Deutschland liegt auf Platz 2 der europäischen Länder, die am wenigsten an Verschwörungsmythen glauben. Nur in Schweden sind die Menschen gefeiter gegen Verschwörungstheorien. Das europäische Land, in dem die meisten Verschwörungsanhängerinnen und -anhänger leben, ist Österreich. Allerdings meint Platz 2 für Deutschland, etwa jeder Vierte hier ist empfänglich für Konspiratives, wie: „Die gesamte Welt wird geheim regiert von einer klandestinen Elite“ oder „Barcodes sind gesundheitsschädlich“. Je nach Verschwörungsthematik können die Zahlen variieren. So stimmten etwa in der Europäischen Sozialerhebung (ESS) [externer Link] 12,8 Prozent der Deutschen zu, dass eine „kleine geheime Gruppe“ alle wichtigen Entscheidungen der Weltpolitik treffe.
An Verschwörungstheorien glauben vor allem extreme Rechte und Ostdeutsche
Wie die Metastudie der Universität Passau zeigt, finden sich in allen Gesellschaftsschichten Menschen, die an Verschwörungstheorien glauben. Als besonders empfänglich haben sich in Deutschland bestimmte Regionen und Milieus erwiesen. Der Passauer Politikwissenschaftler Christoph spricht von bedrohlichen Minderheiten, die Einfluss nehmen könnten auf unser demokratisches System: „Das ist einerseits die extreme Rechte. Da wissen wir, dass Verschwörungsdenken historisch gesehen zu Hause ist. Es gibt insbesondere bei den Anhängerinnen und Anhängern der AfD sehr hohe Werte für Verschwörungsmentalität. Und es gibt erstaunlicherweise auch immer noch einen sehr hohen Ost-West-Unterschied, der auch mit historischen Prägungen und Erfahrungen zu tun hat.“
Glaube an Verschwörungstheorien schließt „Ja“ zur Demokratie nicht aus
Negative Erinnerungen an das Regime der DDR, das Gefühl, strukturell inzwischen abgehängt zu sein, so etwas bilde in Ostdeutschland den emotionalen Nährboden für alternative Welterklärungsangebote, erläutert die Soziologin an der Universität Leipzig, Michelle Schweitzer. Sie ist beteiligt an der Überblicksstudie und befasst sich mit der Bedeutung verschiedener Verschwörungsansätze für ein demokratisches System. Dabei geht es um politische Verschwörungstheorien genauso wie um medizinische, kriminologische oder extraterrestrische. Tatsächlich lehnten nur wenige Verschwörungsgläubige die Staatsform Demokratie komplett ab, auch weil sie eben Meinungsfreiheit biete, so Soziologin Schweitzer. Also gelte es zu unterscheiden: „Ich finde die Reichsbürger immer ein sehr prägnantes Beispiel, weil, wenn man wirklich nicht glaubt, dass der deutsche Staat existiert, und wenn man eine Parallelgesellschaft aufbaut, ist man ja wirklich aus dem politischen System draußen, während man vielleicht anzweifeln kann, dass der Klimawandel existiert, aber man kann trotzdem der Meinung sein, dass Wahlen wichtig sind.“
Verschwörungstheorien werden von Algorithmen und Mediennetzwerken befeuert
Zwar sind Verschwörungstheorien heute in Deutschland wie in Europa insgesamt nicht verbreiteter als in vergangenen Zeiten, aber sie sind politisch und gesellschaftlich wirkmächtiger geworden. Das liege vor allem am Einfluss von organisierten Gruppen und verschwörungsideologischen Mediennetzwerken, so der Passauer Politologe Stefan Christoph: „Wir sehen zunehmende algorithmische Verstärkung, solche polarisierenden Inhalte klicken sich halt ziemlich gut. Und wir sehen immer mehr Akteure, die Verschwörungsideologien gezielt verbreiten, zur Mobilisierung nutzen, und das trägt natürlich auch dazu bei, dass die mächtiger werden.“
Mehr Aufklärung gegen Verschwörungstheorien
Medienkompetenzprojekte an Schulen und Universitäten, Aufklärungskampagnen, unabhängige Gerichte, ausgewogener Qualitätsjournalismus – all das könne helfen. Genauso mehr Bürgerbeteiligung an politischen Prozessen und eine Förderung zivilgesellschaftlicher Angebote, rät Politologe Stefan Christoph. In einem nächsten Schritt wollen die Forschenden nun den direkten Einfluss von Verschwörungsglauben auf demokratische Prozesse in acht verschiedenen europäischen Ländern vergleichen. Neben Deutschland sind das Bulgarien, Frankreich, Großbritannien, Österreich, Spanien, die Slowakei und Tschechien.

