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WirtschaftsRundschau > Nachrichten > Wissen > Influencer promoten Suchtmittel Nikotin als Leistungsbooster
Wissen

Influencer promoten Suchtmittel Nikotin als Leistungsbooster

Michael Farber
Zuletzt aktualisert 3. Juli 2026 09:47
Von Michael Farber
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12 min. Lesezeit
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Bessere Konzentration, weniger Stress, insgesamt leistungsfähiger: All diese Effekte soll Nikotin liefern – zum Beispiel in Beuteln oder anderen rauchfreien Produkten. Influencer aus Bayern werben in Videos auf Social Media für den Stoff. Und auch in den USA befeuern prominente Stimmen wie der bekannte Moderator Tucker Carlson und der Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. den Mythos, sich mit Nikotin optimieren zu können. Sie wollen Nikotin vom schlechten Image des Rauchens befreien und sagen: Nikotin sei ein Naturstoff, der helfen kann – bei Aufmerksamkeit und Fitness.

Inhaltsübersicht
Influencer aus Bayern bewerben NikotinWarum Nikotin angeblich leistungssteigernd wirken sollKeine ausreichenden Belege für Pflaster als LeistungsboosterExperten warnen vor Nikotin: Risiko für Abhängigkeit und gesundheitliche SchädenWie die Abhängigkeit von Nikotin entstehtNikotin-Beutel enthalten bisweilen höhere Dosen als Tabakzigaretten – und sind bei Jugendlichen beliebtNikotin birgt Risiken für den gesamten KörperAuch Nikotinpflaster können abhängig machen

Influencer aus Bayern bewerben Nikotin

Zum Beispiel sagt der Influencer Thomas Frohnert aus Bayern, bekannt unter dem Namen „Steamshots“, in einem Video auf Instagram: „Nikotin ist kein Nervengift, sondern ein Stimulans.“ Auf Anfrage des #Faktenfuchs bleibt er bei dieser Aussage. Sein primäres Einkommen bestreite er „vollständig außerhalb der E-Zigaretten- oder Tabakbranche“, wie er auf Anfrage des #Faktenfuchs in einer Mail angibt. In der Vergangenheit hatte er demnach aber Zusatzeinnahmen über von ihm entworfene Vaping-Produkte. Es gehe ihm bei seinen Videos und seiner Webseite um Schadensminimierung für bestehende Konsumenten, nicht um die Bewerbung für Neueinsteiger. Die Medizin unterscheide heute klar zwischen den „Schäden des Rauchens (durch Teer und Verbrennungsgase) und den überschaubaren Risiken des reinen Nikotins“, schreibt er.

Dass Rauchen sehr gesundheitsschädlich ist, ist unbestritten. Mediziner allerdings warnen vor den Risiken auch von Nikotin allein. „Es gibt natürlich kein gesundes Nikotin. Nikotin an sich ist ein Nervengift“, sagt Suchtforscherin Andrea Rabenstein von der Tabakambulanz des Münchner LMU-Klinikums im Gespräch mit dem #Faktenfuchs. Diverse andere Quellen beschreiben Nikotin ebenfalls als Nervengift. Nur weil Nikotin ein Pflanzenstoff ist, der zum Beispiel in den Blättern der Tabakpflanze vorkommt, heißt das nicht, dass er unschädlich ist. Das ist ein Scheinargument, ein Fehlschluss. Denn es gibt natürlich vorkommende Gifte, die dem Menschen schaden können.

„Nikotin kann kurzfristig Aufmerksamkeit, Konzentration und Reaktionsgeschwindigkeit beeinflussen„, sagt Rabenstein. Diese Effekte sind aber, da sind sich Experten einig, meist gering, zeitlich begrenzt und betreffen vor allem bestimmte kognitive Funktionen. „Demgegenüber steht ein hohes Abhängigkeitspotenzial, weshalb mögliche kurzfristige Vorteile aus medizinischer Sicht die langfristigen Risiken nicht aufwiegen“, sagt Rabenstein.

Warum Nikotin angeblich leistungssteigernd wirken soll

Nikotin ist dennoch bei einigen Sportlern beliebt. Neben tabakfreien Nikotinbeuteln, den sogenannten Nikotin-Pouches, und Nikotinpflastern kommt im Sport auch Snus zum Einsatz. Das ist ein rauchloses, nikotinhaltiges Tabakprodukt, das ursprünglich aus Schweden stammt.

„Daten zeigen, dass in bestimmten Sportarten zwischen 19 und rund 56 Prozent der Sportler Nikotin konsumiert haben“, sagt Malina Kleine, Leistungssportlerin und Psychologin an der Münchner Tabakambulanz. „Und man sieht es als Trend: Nikotin kommt wieder, gerade weil es eine Wegbewegung vom Tabak gibt, der vielleicht gesellschaftlich und noch mehr im Sport negativ konnotiert ist.“

Kleine beobachtet das auch auf Social Media: „Ich habe auch schon gesehen, wie gerade Snus zum Beispiel sehr verherrlicht wird in dieser Szene.“ Die Psychologin sieht dabei nicht nur das Motiv Leistungssteigerung im Sport oder in der Freizeit. Es gehe vielleicht auch darum, Stress vermeintlich zu mildern, bei Leistungssportlern wie bei Fitness- oder Freizeitkonsumenten.

Blogs oder Sport-Seiten berichten, dass Sportler häufig zu Snus greifen. Man klemmt es in Beuteln oder als Pulver unter die Oberlippe. „Nikotin wird von vielen unterschätzt, gerade im Kampfsport“, schreibt ein Kampfsport-Account auf Instagram. Außer in Schweden ist Snus in der EU überall verboten. Wilhelm Bloch vom Institut für Kreislaufforschung und Sportmedizin der Deutschen Sporthochschule Köln sagt: „Es gibt schon einen Grund, warum das so ist: weil es im Prinzip ein Wirkstoff ist mit einem entsprechenden Nebenwirkungspotenzial.“

Snus erhöhe das Risiko für Entzündungen im Mund. Kontrovers diskutiert werde, ob Snus auch Krebs auslösen kann. „Man kann das Karzinomrisiko absolut nicht ausschließen und es ist auch erklärbar, warum das so ist, weil wir permanente Entzündungen haben. So etwas führt halt oft zu Entartungen von Zellen.“

Keine ausreichenden Belege für Pflaster als Leistungsbooster

„Die Befunde, dass man mit Nikotinpflastern wirklich Leistungssteigerung erreicht in einem Maße, das irgendwie Relevanz hat in dem Sport, sind einfach sehr heterogen, auf jeden Fall keine klare Evidenz“, sagt Malina Kleine, Psychologin an der Münchner Tabakambulanz. Sie ist auch Leistungssportlerin. In Bezug auf Pflaster hält sie die Frage also gar nicht für so relevant für Sportler, weil es wissenschaftlich nicht geklärt ist, ob es relevante positive Auswirkungen im Sport gibt. Es gebe zwar einige Untersuchungen, die positive Effekte finden, die sich hauptsächlich auf Aufmerksamkeit und Reaktionsgeschwindigkeit beziehen. Die Effekte seien aber individuell sehr verschieden. „Bei Kraft und bei Ausdauerleistung ist es noch unklarer„, sagt Kleine.

Das bestätigt Sportmediziner Bloch. Aufgrund der unklaren Evidenz sieht auch die WADA, die Welt-Anti-Doping-Agentur, in Nikotin kein effizientes Mittel zur Leistungssteigerung. Es ist zwar unter Beobachtung, aber es steht nicht auf der Liste der von der WADA verbotenen Substanzen. „Das erklärt auch schon ein bisschen die Frage: Ist denn eine klare Leistungssteigerung da? Und die ist nicht da“, sagt Bloch. „Sonst hätte die WADA mit Sicherheit schon längst reagiert.“

Experten warnen vor Nikotin: Risiko für Abhängigkeit und gesundheitliche Schäden

Wer zuvor kein Nikotin konsumiert hat, erlebe häufig, dass mögliche leistungsbezogene Effekte durch unerwünschte Wirkungen wie Übelkeit oder Schwindel eingeschränkt werden. Die stimulierenden Effekte ließen auch wieder nach, so Rabenstein. „Längerfristig ist es dann nicht mehr leistungssteigernd und nicht mehr effizient genug und es entsteht eine Abhängigkeit.“

Wie die Abhängigkeit von Nikotin entsteht

Denn konsumiert man Nikotin regelmäßig, bilden sich mehr Acetylcholinrezeptoren an der Oberfläche des Gehirns, an denen das Nikotin andockt, sagt Andrea Rabenstein. „Dann brauche ich Nikotin, um ein ganz normales Wohlgefühl zu haben.“ Wer dann kein Nikotin mehr nehme, bekomme Entzugserscheinungen wie Unruhe, Unwohlsein oder Kopfschmerzen. „Das heißt, ich entwickle eine Abhängigkeit auch auf biologischer Ebene, nicht nur auf Verhaltensebene. Ab diesem Punkt ist Nikotin gar nicht mehr effizient als Leistungssteigerer, sondern einfach nur noch ein Abhängigkeitsmittel oder ein Suchtmittel.“ Ein Umstieg auf stärkere Produkte sei dann häufig der nächste Schritt.

Nikotin-Beutel enthalten bisweilen höhere Dosen als Tabakzigaretten – und sind bei Jugendlichen beliebt

In Deutschland sind etwa tabakfreie Nikotinbeutel verbreitet, auch bei Jugendlichen, und sie sind in vielen europäischen Ländern legal erhältlich. Die Pouches enthalten Nikotin, müssen aber nicht inhaliert werden. Diese für den oralen Konsum gedachten Produkte können hohe Nikotinmengen abgeben – bei einigen sogar höhere Dosen als bei Tabakzigaretten. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie, an der unter anderem die Suchtforscherin Rabenstein und das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) beteiligt waren.

„Diese ganzen neuen Produkte auf dem Markt, wie jetzt E-Zigaretten oder Pouches, die sind darauf ausgelegt, dass eine hohe schnelle Nikotinabgabe erfolgen kann, und je schneller eine Droge, in dem Fall Nikotin, anflutet, desto abhängiger macht es“, sagt Rabenstein. „Anfluten“ bedeutet, dass das Nikotin im Gehirn seine Wirkung entfaltet – das geht bei verschiedenen Produkten unterschiedlich schnell. Seit Jahren untersuchen sie und andere Forscher die Produkte, die auf den Markt kommen, sukzessive und nach einem ähnlichen Schema: Wie schnell kommt das Nikotin bei den Konsumenten an? Rabenstein sagt: „Es ist immer, immer besser geworden.“ Rabenstein sagt: „Dementsprechend ist es von den Tabakkonzernen so gewollt, dass eine neue Generation Abhängiger herangezogen wird.“

Der #Faktenfuchs hat zu diesem Vorwurf den Bundesverband der Tabakindustrie und neuartiger Erzeugnisse (BVTE) angefragt. Der Verband argumentiert in seiner Antwort: Im Regelfall erfolge die Nikotinanflutung deutlich langsamer als beim Rauchen, da das Nikotin über die Mundschleimhaut und nicht über die Lunge aufgenommen wird. Außerdem seien Nikotinbeutel Produkte für Erwachsene und gehörten nicht in die Hände von Minderjährigen. Deshalb brauche es einen konsequenten Jugendschutz und klare gesetzliche Regeln. „Unsere Mitgliedsunternehmen begrüßten bereits 2021 die Vorschläge des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR), Nikotinbeutel tabakrechtlich zu regulieren und einen legalen Verkauf an Erwachsene zu ermöglichen.“

Nikotin birgt Risiken für den gesamten Körper

Nikotinkonsum kann erhebliche gesundheitliche Folgen haben: Nikotin verengt laut Rabenstein die Gefäße, erhöht den Sauerstoffbedarf des Herzens und wirkt dementsprechend nicht positiv auf die Leistungssteigerung. Ausdauer hingegen brauche eine gute Durchblutung der Muskulatur, auch der Skelettmuskulatur und des Herzens, sagt Bloch. „Da ist der Effekt auf keinen Fall gut. Als Profisportler würde ich mir das jetzt nicht unbedingt antun.“

Auch dem BfR zufolge sei Nikotin „unabhängig von der Art des Konsums ein erhebliches Risiko für das Herz-Kreislauf-, Nerven- und Fortpflanzungssystem“. Das Institut schreibt dem #Faktenfuchs: „Während die schwerwiegendsten Gesundheitsschäden, wie Lungenkrebs, in erster Linie durch den Teer und die toxischen Chemikalien im Tabakrauch verursacht werden, ist Nikotin selbst ein starkes Neurotoxin, das zahlreiche Organe beeinträchtigt.“

Nikotin steigert den Blutdruck und die Herzschlagfrequenz. Es kann den Körper vergiften: Milde Vergiftungssymptome umfassen Übelkeit und Erbrechen. Setzt man sich höheren Dosen aus, kommen Symptome wie Durchfall, verstärkter Speichelfluss und Verlangsamung des Herzschlags dazu. Schwere Vergiftungen können sich durch Anfälle und Atemdepression zeigen. Das bedeutet, die Atmung verlangsamt sich – was lebensgefährlich sein kann. Krankenkassen warnen, dass Nikotin Gefäße schneller altern lässt und dazu führt, dass sie sich mit Plaques zusetzen. Auch das Risiko für einen gestörten Zuckerstoffwechsel (Diabetes Typ 2) steigt demnach durch Nikotin, und es stört bestimmte Prozesse im Immunsystem.

Auch Nikotinpflaster können abhängig machen

Nikotinpflaster gelten als harmloser als Beutel, weil sie weniger schnell anfluten. In einigen Videos zeigen sich Sportlerinnen mit Nikotinpflaster beim Laufen. Doch gilt auch für sie ein Gesundheitsrisiko?

Nikotinpflaster sind für die Entwöhnung gedacht, wenn man das Rauchen aufhören will. Das Bundesinstitut für öffentliche Gesundheit schreibt aber: „Nichtraucherinnen und Nichtraucher sollten Nikotinersatz nicht benutzen.“ Zwar hätten Pflaster nicht ein so großes Abhängigkeitspotenzial wie Zigaretten oder Nikotinbeutel, sagt Rabenstein. Aber gerade bei Menschen, die zuvor kein Nikotin konsumiert haben, tritt auch bei Pflastern eine Gewöhnung ein. Die stimulierende Wirkung verpuffe.

Auch der Neurologe Özgür Onur, Leitender Oberarzt an der Uniklinik Köln und Demenz-Experte der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, sagt im Gespräch mit dem #Faktenfuchs: „Ja, Nikotin ist insgesamt schädigend.“ Ob über Inhalation oder Pflaster, auch bei niedriger Dosis: „Es ist dann am Ende im Gehirn und in den Gefäßen. Also wenn dieser Wirkstoff da ist, dann ist er da und macht seine Arbeit – oder seinen Schaden.“ Auch wenn der Konsument vieles davon vielleicht nicht bemerke.

 

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Von Michael Farber
Michael Farber ist ein erfahrener Journalist, der das Ressort Wissen der WirtschaftsRundschau leitet. Mit seiner Expertise in Wissenschaft und Technologie berichtet er über die neuesten Entwicklungen und Entdeckungen und bietet den Lesern spannende Einblicke in komplexe Themen.
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