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WirtschaftsRundschau > Nachrichten > Wissen > Pilze gegen Depressionen? Drogen gegen psychische Erkrankungen
Wissen

Pilze gegen Depressionen? Drogen gegen psychische Erkrankungen

Michael Farber
Zuletzt aktualisert 3. Juli 2024 06:48
Von Michael Farber
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5 min. Lesezeit
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„Psychedelics sind meines Erachtens keine Drogen – also nicht das, was man so landläufig als Drogen bezeichnet, sondern Medikamente.“ Diesen Satz sagt der ursprünglich aus der Oberpfalz stammende Investor Christian Angermayer in die Kamera. Er spricht mit dem YouTuber „Geldschnurrbart“ über seine Visionen. Und die sind groß. Angermayer glaubt an den Einsatz von Psychedelika als Medikamente. Das tut er auf zahlreichen Plattformen im Netz kund.

Inhaltsübersicht
Goldgräberstimmung auf dem MarktFachmann ist skeptischStudie der Charité BerlinKritiker: Interessenskonflikte häufig

Er selbst habe einmal Psilocybin – also sogenannte „Magic Mushrooms“ – ausprobiert, sagt er etwa auf seinem Instagram-Kanal. Er glaube, man könne dadurch psychische Erkrankungen heilen und damit „eines der größten Gesundheitsprobleme der Welt lösen“.

Investoren wie Angermayer versprechen sich von Substanzen, die ansonsten als Drogen bekannt sind, unter anderem Hilfe für Menschen, die unter Therapie-resistenter Depression leiden.

Goldgräberstimmung auf dem Markt

Fest steht, mit Substanzen wie Psilocybin ist offenbar viel Geld zu verdienen. Noch vor dem Börsengang 2020 hatte etwa die Biotech-Firma „Compass Pathways“ Medienberichten zufolge weit über 100 Millionen Dollar bei Investoren wie Christian Angermayer eingesammelt. Erste Studien mit einer kleinen Zahl an Studienteilnehmern berichteten von riesigen Behandlungserfolgen. Das Thema schaffte es auf Titelblätter von Magazinen und Tageszeitungen.

Bereits 2018 gründete Christian Angermayer mit „atai Life Sciences“ eine Biotechfirma, die auch andere Halluzinogene, Psychedelika oder andere als Partydrogen bekannte Mittel zur Bekämpfung psychischer Erkrankungen erforscht. Darunter sind etwa das Narkosemittel Ketamin gegen Depressionen oder eine chemische Variation von MDMA, bekannt als Ecstasy. Es soll gegen posttraumatische Belastungsstörungen helfen.

Auf Anfrage des Bayerischen Rundfunks reagierte weder der Konzern noch Investor und Gründer Christian Angermayer.

Fachmann ist skeptisch

Der Psychologieprofessor Reinhard Maß ist misstrauisch. Er spricht hier von einem „verdächtigen Hype“. Größer angelegte Studien mit einer höheren Zahl an Probanden hätten die phänomenalen Erfolge erster kleinerer Studien bislang nicht belegen können.

Maß kritisiert, dass derartige Studien von denjenigen durchgeführt oder finanziert werden, die letztlich auch die Medikamente verkaufen wollen. „Profitinteresse“ stünde im Mittelpunkt, so der Professor: „In einem Wissenschaftsprozess, in dem es nur um Forschung und Erkenntnisgewinn geht, wäre man viel vorsichtiger. Eine Studie mit tollen Ergebnissen sagt erstmal gar nichts. Das muss erst noch von verschiedenen Seiten unabhängig bestätigt werden.“

Studie der Charité Berlin

Die Firma Compass Pathways etwa finanzierte eine der an der Charité Berlin durchgeführte Psylocibin-Studie zur Wirksamkeit desjenigen Medikaments mit, das sie herstellt und verkaufen will. Auf BR-Anfrage dazu schreibt Compass Pathways:

„Alle klinischen Prüfzentren erhalten für die im Rahmen der Prüfung durchgeführten Verfahren eine Erstattung, die dem Marktwert entspricht. Darüber hinaus sind die Ethikkommission und der Forschungsausschuss des Krankenhauses in die vereinbarten Kostenerstattungen eingeweiht.“ Zur Höhe der Zahlungen an die Charité-Klinik äußert sich die Firma nicht.

Die Klinik selbst verweist in einer Stellungnahme auf die Wissenschaftsfreiheit. Die Vergütung sei marktüblich und kostendeckend gewesen. Interessenskonflikte sieht die Charité nicht. Keiner der beteiligten Mitarbeiter hätte finanzielle Interessen an Firma oder Produkt, teilt eine Sprecherin dem BR mit.

Kritiker: Interessenskonflikte häufig

Interessenskonflikte sind in der Erforschung von Medikamenten keine Seltenheit. Das zeigt auch das Beispiel des als Nasenspray verabreichten Esketamin zur Behandlung schwerer Depressionen. Eine an der Goethe-Universität Frankfurt durchgeführte Studie zur Wirksamkeit des eigentlich als Anästhetikum eingesetzten aber auch als Partydroge bekannten Ketamins wurde finanziert vom Pharmakonzern Janssen. Und der vertreibt eben jenes Medikament.

Das Esketamin-Nasenspray ist inzwischen zugelassen. Der Autor der Studie hat auch an der „Nationalen Versorgungsleitlinie Unipolare Depression“ mitgeschrieben, der offiziellen Behandlungsempfehlung.

Sein Kollege, der Berliner Psychiatrieprofessor Tom Bschor kritisiert hier vor allem die extrem hohen Kosten für das Nasenspray. Bschor ist ebenfalls Autor der Leitlinie. Ihm zufolge ließe sich durch die monatlichen Aufwendungen für die Behandlung auch eine Pflegeperson bezahlen, „die sich den ganzen Monat über nur um diesen einen depressiven Menschen kümmern“. Man müsse sich fragen, was wohl den größeren Effekt habe, so Bschor im BR-Interview.

Bschor und viele seiner Fachkollegen sind daher noch skeptisch, was die ersten Studienergebnisse und den Einsatz von Psychedelika zur Behandlung psychisch kranker Menschen angeht.

Mehr zu diesem Thema erfahren Sie heute (3.7.) um 12:17 Uhr im Radioprogramm von BR24 in der Sendung Funkstreifzug. Den Podcast zur Sendung gibt es bereits jetzt in der ARD-Audiothek. Dort finden Sie auch den ersten Teil dieser Recherche.

 

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Von Michael Farber
Michael Farber ist ein erfahrener Journalist, der das Ressort Wissen der WirtschaftsRundschau leitet. Mit seiner Expertise in Wissenschaft und Technologie berichtet er über die neuesten Entwicklungen und Entdeckungen und bietet den Lesern spannende Einblicke in komplexe Themen.
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