Auf den zweiten Blick lieferten die Daten den Forschenden eine andere Erklärungsmöglichkeit: Die Raben haben offenbar gelernt, wo die Wölfe bevorzugt jagen, in Talsohlen zum Beispiel – und sie fliegen häufig gezielt diese Gebiete an, um zu schauen, ob es dort etwas zu fressen gibt.
Zwar merken sich auch andere Vögel gute Futterstellen, was wir an den Futterhäuschen in unseren Gärten beobachten können. In den Jagdgebieten der Wölfe ist die Situation aber komplexer. Dort sehen die Futtergelegenheiten nicht immer gleich aus, die Kadaver sind nicht immer exakt an derselben Stelle.
Und die Raben können auch mal leer ausgehen: „Der einzelne Riss ist nicht vorhersagbar“, sagt Loretto. Trotzdem ist die Wahrscheinlichkeit, etwas zu finden, in einigen Gebieten höher.
Intelligente Raben haben eigene „Karte von Aasplätzen“
Die Raben spielen mit dieser Wahrscheinlichkeit. Ein Glücksspiel, das oft zugunsten der schlauen Vögel ausgeht. Als geistige „Karte von Aasplätzen“ bezeichnet Andreas Nieder von der Uni Tübingen das. Nieder forscht über die Intelligenz von Tieren, an der aktuellen Studie war er nicht beteiligt. „Ich würde es den Raben auf jeden Fall zutrauen“, sagt er mit Verweis auf die erstaunlichen Gedächtnisleistungen von Rabenvögeln.
Über die kognitiven Fähigkeiten der Tiere mache die Studie jedoch keine wirklichen Aussagen, meint Nieder. Vielmehr gebe sie einen spannenden Einblick in das Zusammenspiel von Wölfen und Raben.
Neue Studie gibt Einblick in die Beziehung von Wölfen und Raben
Dan Stahler im Yellowstone Nationalpark hat seine frühere Theorie abgelegt. Er sagt ebenfalls, die Studie gebe einen tieferen Einblick in die lange bekannte Beziehung zwischen den Tieren. Für ihn ist sie aber auch ein weiterer Beweis, wie schlau die schönen Vögel wirklich sind: „Statt dem Wolfsrudel den ganzen Tag zu folgen, schauen sie einfach immer wieder kurz vorbei, fliegen wieder weg und kommen vielleicht erst am nächsten Tag, um wieder zu schauen, was die Wölfe so machen.“
Für Matthias-Claudio Loretto, den Hauptautor der Studie, ist das Thema noch nicht abgeschlossen. Er möchte herausfinden, wie die Vögel diese geistige Landkarte entwickeln, wie viele Überflüge sie brauchen, wie viele Fehlschläge es dabei gibt – kurz: wie intelligent sich die Vögel wirklich verhalten.

