Für Menschen mit geistiger und entwicklungsbedingter Behinderung können Hochschulen Orte sein, an denen sie Kompetenzen erwerben, selbstständiger werden und Teilhabe erleben. Darüber diskutieren internationale Fachleute an der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU).
Der Europäische IASSIDD-Kongress (externer Link) findet erstmals in Deutschland statt und setzt Impulse für mehr Teilhabe. Sonderpädagogisch begleitete Seminare sowie Angebote von Tanz- und Kunsthochschulen zeigen: Junge Menschen mit kognitiven Einschränkungen profitieren von inklusiven Angeboten. Das US-amerikanische Netzwerk Think College (externer Link) bietet dafür spezielle Bildungsprogramme an.
Viele Talente bleiben ungenutzt
Sonderpädagoge Peter Zentel ist Gastgeber der Konferenz. Die Universität sei ein idealer Bildungsort, sagt er: „Über sich nachdenken dürfen, die Welt besser zu verstehen, das sind wichtige Chancen für junge Menschen.“ Zentel erforscht Konzepte für mehr Lebensqualität, Selbstbestimmung und Teilhabe von Menschen mit geistiger und mehrfacher Behinderung.
Hochschulen in Australien, England, Irland, Belgien und den Niederlanden haben bereits spezielle Angebote verankert. Auch die LMU will ein Inklusionskonzept entwickeln, damit Menschen mit geistiger Behinderung passende Angebote finden.
Inklusives Hochschulpraktikum: Erfahrungen von Marc und Belma
An Zentels Seminar „Lehramt in Kontext von Behinderung“ haben bislang sechs junge Menschen mit kognitiver Einschränkung im Rahmen eines Praktikums teilgenommen. Marc Voss ist gerade im ersten Unisemester. Der 27-jährige Münchner hat ein Williams-Beuren-Syndrom und einen angeborenen Herzfehler. Er ist begeistert: „Wie schnell ich geworden bin in den Seminaren, bei Vorträgen wurde ich immer besser und besser.“ Wie viele junge Erwachsene mit geistiger oder entwicklungsbedingter Behinderung arbeitet er in einer Werkstatt für behinderte Menschen. Das Studentenleben gefällt ihm: „An der Uni ist alles so groß und unterschiedlich.“
Auch Belma ist 27 Jahre alt, arbeitet in einer Werkstatt für behinderte Menschen und möchte im nächsten Semester erneut teilnehmen. „Herr Zentel hat uns auch vieles beigebracht im Praktikum, in leichter Sprache natürlich, und es hat sehr Spaß gemacht.“ Sie erlebte die Uni zunächst wie eine Schule, lernte Inklusionstheorien und zahlreiche Fachausdrücke.
Welche Modelle gibt es international?
Europaweit richteten sich Inklusionskonzepte an Hochschulen zunächst vor allem an Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen. Heute rücken angesichts wachsender Förderbedarfe auch junge Menschen mit geistiger Behinderung stärker in den Blick. Das Europäische Netzwerk „JoinIN Education“ (externer Link) listet erfolgreiche Programme auf, erklärt Bildungsforscher Wolfgang Plaute von der Pädagogischen Hochschule Stefan Zweig in Salzburg.
Plaute hat das Inklusionsprogramm „BLuE: Bildung, Lebenskompetenz und Empowerment“ (externer Link) entwickelt. Freiwillige Tutorinnen und Tutoren unterstützen BLuE-Mitstudierende und erhalten dafür Credit Points. „Die angehenden Lehrpersonen sind natürlich durch diese Erfahrung und den Perspektivwechsel optimal vorbereitet auf ihren Job. Das hat also Synergieeffekte bis hinein in die Schulen.“
Der schwierige Weg auf den regulären Arbeitsmarkt
Viele Hochschulen stehen noch am Anfang der Planung. Es geht um Nachteilsausgleich für „Menschen, die durchs Bildungssystem rutschen aufgrund einer physischen, kognitiven oder psychischen Beeinträchtigung“, erklärt Zentel. Die Programme verleihen keinen akademischen Abschluss, aber ein Hochschulzertifikat, das individuelle Leistungen beschreibt – etwa Kommunikations- und Teamfähigkeit oder PC-Kompetenzen. Das kann Bewerbungen unterstützen. Der Einstieg in den regulären Arbeitsmarkt in Deutschland ist für Betroffene schwierig.
Warum Forschende mehr Daten brauchen
Viele Schülerinnen und Schüler in Förderschulen hätten mehr Potenzial, als IQ-Tests zeigen, sagt Plaute. Umso wichtiger sei inklusives Lernen für die Betroffenen: „Die machen einen Quantensprung, weil sie es können, wenn es ihnen wer zutraut.“ Autismus-Spektrum-Störungen oder Sprach- und Verhaltensprobleme können die intellektuelle Kompetenz überlagern.
In Europa fehlen noch belastbare Studiendaten, doch in den USA gelten Inklusionsangebote als erfolgreich. Bis zu 50 Prozent der Teilnehmenden finden danach einen regulären Job oder besuchen weitere Bildungsmaßnahmen. Auch deutsche Tanz- und Musikprojekte zeigen: Inklusive Hochschulangebote können Selbstvertrauen, soziale Teilhabe und Ausdrucksfähigkeit der Studentinnen und Studenten deutlich stärken.

