Der Sommer mit „rekordverdächtigen Hitzewellen“ und „apokalyptischen Waldbränden“ sei nur ein Vorgeschmack gewesen, sagte UN-Generalsekretär António Guterres bei einer Pressekonferenz (externer Link) in New York Ende Juli. Das Klimaphänomen El Niño verstärke sich und heize die ohnehin schon angespannte Lage auf unserem Planeten weiter an. Doch was bedeutet das für den Herbst und Winter in Deutschland und Bayern? BR24 hat mit mehreren Experten gesprochen. Sie geben Entwarnung, völlig spurlos zieht das Phänomen aber auch an uns nicht vorbei.
Bei dem natürlich auftretenden Klimaphänomen erwärmt sich die Wasseroberfläche im östlichen und zentralen Pazifik nahe des Äquators, was weltweit Auswirkungen auf Wind, Luftdruck und Niederschläge hat. In der Folge steigt das Risiko für Wetterextreme. Üblicherweise tritt El Niño alle zwei bis sieben Jahre auf und dauert zwischen neun und zwölf Monate an.
Rekordtemperatur im Pazifik: Ist es ein „Super-El-Niño“?
Im Juni meldete die US-Wetterbehörde NOAA (externer Link), dass El Niño begonnen habe, seinen Höhepunkt erreiche er voraussichtlich im November. Es gibt Hinweise, dass das Klimaphänomen dieses Mal stärker ausfällt als sonst. Die US-Klimavorhersagebehörde CPC (externer Link) beziffert die Wahrscheinlichkeit für ein sehr starkes El-Niño-Ereignis nun auf mehr als 90 Prozent.
„Super-El-Niño“ sei kein wissenschaftlicher Begriff, sagt Daniela Matei vom Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg. Er beschreibe lediglich, dass sich das Wasser im Zentralpazifik um 2 Grad oder mehr erwärmt. Aktuell liegt die Temperatur bereits bei 1,8 Grad über dem Durchschnitt, weshalb Experten mit einer Erwärmung von bis zu 2,5 Grad rechnen. Es könnte damit der stärkste jemals gemessene El-Niño werden.
Wie wirkt sich El Niño auf Deutschland aus?
Die globale Durchschnittstemperatur steigt durch El Niño. Das bedeute jedoch nicht, dass es auch in Europa wärmer werde, sagt Helge Gößling vom Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung Bremerhaven. „Der heiße Sommer bei uns hatte nichts mit El Niño zu tun – das war der Klimawandel kombiniert mit zufälligen Wetterschwankungen.“
Das bestätigt auch Lothar Bock vom Deutschen Wetterdienst (DWD): „Es gibt keine belastbaren Belege, dass ein starkes El‑Niño‑Jahr in Deutschland spürbare, typische Effekte hat.“ Laut mehreren Experten ist nur ein schwacher Einfluss von El Niño auf Europa belegt.
El Niño könnte feuchten Herbst und eisigen Winter bringen
Ein mögliches Szenario könnte in diesem Jahr ein feuchter Herbst und Frühwinter sein, so Klimaforscherin Matei. Auch Klimaphysiker Gößling sagt: „Die aktuellen saisonalen Vorhersagen zeigen nur eine leichte Tendenz zu einem etwas feuchteren Winter in Europa.“ Das sei lediglich eine Verschiebung der Wahrscheinlichkeiten, keine sichere Prognose.
Matei sagt, dass El Niño zu einer sehr kalten zweiten Winterhälfte ab Januar 2027 mit Schnee und Eis führen könnte: „Wenn der Polarwirbel in der Stratosphäre geschwächt wird, haben wir wunderbare Voraussetzungen für sehr starke und häufige Kälteeinbrüche – das kann bis nach Mitteleuropa reichen.“ Ab November oder Dezember sei dieser Effekt besser absehbar. Matei betont, dass Deutschland sich auf diese Möglichkeit vorbereiten müsse: mit gefüllten Gasspeichern und Räumdiensten.
Warum sind Wetter-Prognosen so schwierig?
Langfristige Prognosen seien für Europa jedoch schwierig, sagt DWD-Meteorologe Bock: „Je weiter man sich vom Äquator wegbewegt, desto ‚wilder‘ wird es. In der gemäßigten Zone treffen ständig Warmluft und Kaltluft aufeinander.“ Der Pazifik sei weit weg und die Witterung werde von vielen anderen Faktoren beeinflusst.
Helge Gößling, der zu Klimamodellen forscht, weist auf ein weiteres Problem hin: „Wir haben solche starken Ereignisse erst selten gehabt. Es kann gut sein, dass der aktuelle El Niño die bisherigen übertrifft. Zusammen mit dem Klimawandel macht das die Einordnung noch schwieriger.“
Höhere Rohstoffpreise, Ausfall von Lieferketten
Auch wenn wir El Niño in Europa nicht durch das Wetter wahrnehmen, hat das Wetterphänomen indirekte Auswirkungen: Ernteausfälle könnten die Preise für mehrere tropische Agrarrohstoffe wie Kakao, Kaffee und Zucker in die Höhe treiben.
Deutsche Unternehmen müssten mit höheren Kosten, verzögerten Lieferungen und einem angespannteren Zahlungsverhalten von Unternehmen rechnen, sagt Frank Liebold, Country Director Deutschland beim internationalen Kreditversicherer Atradius. Auch globale Lieferketten könnten beeinträchtigt sein.

