Am 26. August 1956 erschien in München die erste Bravo. Auf dem Cover Marilyn Monroe. Der Untertitel lautete damals noch „Die Zeitschrift für Film und Fernsehen“. Erst nach und nach erkannte man, dass Pop für Jugendliche eine weit größere Anziehungskraft darstellte – vor allem, wenn junge, gutaussehende Protagonisten als Projektionsfläche für Träume und Verliebtheit angeboten wurden.
Gerne auch auf Kosten der Realität. Denn die Bravo verstand sich als Verbündete der Fans, und veränderte für eine schrille Aussage auch mal Interviewpassagen, wie Angelo Kelly erzählt. Seinen Hit „I can’t help myself“ hatte er einer Angebeteten gewidmet, die Bravo machte daraus ein Lied für den Vater, damit sich die weiblichen Fans noch Hoffnung machen konnten.
Gegenseitige (toxische?) Abhängigkeit
Es ging mehr um die verkaufte Auflage als um journalistische Standards. Aber gerade das Laute, Grelle, Überzogene sprach die jugendliche Zielgruppe lange an. Ob immer zum Nutzen der Musiker? In der ARD Doku „Bravo – Headlines, Hypes und Herzschmerz“ sagt Angelo Kelly: „Für die Bravo waren wir eine Kuh, die gemolken wurde“.
Spätestens in den 80er Jahren war die Bravo das Jugendmagazin geworden – mit ca. 1,8 Millionen verkauften Exemplaren pro Woche. Und einer noch größeren Leserschaft, denn die Bravo ging von Hand zu Hand. Jasmin Wagner („Blümchen“) erzählt, dass nur ein Mädchen in ihrer Schulklasse die Ausgabe kaufte – und alle Freundinnen lasen dann nach und nach das Heft.
Der ehemalige Bravo-Chefredakteur Alex Gernandt geht deswegen von 6 Millionen Leserinnen und Lesern wöchentlich aus. Damit war Bravo für die Musikindustrie ein unverzichtbares Gegenüber – eine Marketing-Maschine, ein Pop-Durchlauferhitzer, ein Fan-Aufheizer, der um jeden Preis gefüttert werden musste.
Seit 1968 gehörte die Bravo zum Hamburger Bauer Verlag, die Redaktion aber blieb in der Augustenstraße in München. Vielleicht hatte man an der Elbe den Eindruck, der Tonfall der Münchner Schickeria und Chichi-Gesellschaft passe besser zum jungen Publikum. Und München lebte die Freude am Aufstieg und Fall von Stars. Bands wie die Tic Tac Toe wurden hochgeschrieben und dann zerfleddert.
„Aufklärung“ von „Dr. Sommer“ in der Bravo
Jasmin Wagner glaubt, dass sie als „Blümchen“ ohne die symbiotische Beziehung zur Bravo nicht groß geworden wäre. Mit 14 war sie eine ideale Identifikationsfigur für die sehr junge Leserschaft. Die Bravo „war mein Draht zu den Fans“ – unverzichtbar in einer Zeit vor Social Media. Erkauft wurde das unter anderem mit einer Sexualisierung, die für heutige Augen übergriffig wirkt. So fand ein Bravo-Redakteur es offenbar völlig normal, die Minderjährige zu fragen, ob sie endlich ihr „erstes Mal“ gehabt habe.
Die Studentenbewegung hatte Sexualaufklärung auf die Agenda gesetzt – allerdings mit klarer politischer Vorgabe, die bürgerliche und „faschistische“ Moral gegen ein freiheitlicheres Konzept zu ersetzen. Die Bravo popularisierte das Thema, vor allem durch eine ganz besondere Zielgruppenansprache: Jugendliche, die sich über ihre Sexualität noch unsicher sind. Jutta Stiehler, die Redakteurin hinter dem legendären, fiktiven Sexualberater Dr. Sommer, nimmt für sich in Anspruch, „auf Augenhöhe“ mit dem Publikum gesprochen zu haben. Allerdings auch auf Augenhöhe mit einem Zeitgeist, der Heterosexualität als absolut verbindlich ansah.
Schwul? – Nicht in der Bravo!
In „Mein Problem ist: Ich bin schwul“, schrieb etwa ein „Junge, 13, ohne Ortsangabe“ an die Bravo. Und die antwortete: „Nur weil du bei nackten Jungen ein steifes Glied kriegst, glaubst du, schwul zu sein. Wenn du erstmal Erfahrungen mit Mädchen gemacht hast, sieht die Sache wahrscheinlich gleich ganz anders aus. Also mach dir vorerst keine Sorgen.“
Auch bei den gefeierten Stars ging es der Bravo um die absolute Verfügbarkeit für Projektionen – Homosexualität schied etwa für Boy Bands aus, weil damit angeblich die weibliche Fangruppe Probleme haben würde. Eloy de Jong von Caught In The Act erzählt, dass ihr Manager „keinen schwulen Jungen in der Band“ sehen wollte.
Als Gerüchte aufkamen, de Jong sei schwul, inszenierte die Bravo eine Begegnung mit einem weiblichen Fan, inklusive Küsschen und Grachtenfahrt. Schöne Bilder, die mit der wahren Person nichts zu tun haben. Daran hat sich offenbar wenig geändert, wie koreanische K-Pop-Boy-Groups-Verträge erahnen lassen, die den Bandmitgliedern jegliche Beziehung verbieten.
Für ganze Generationen war die Bravo ein wichtiger Begleiter beim Erwachsenwerden. Heute haben im Wesentlichen die sozialen Netzwerke diese Funktion übernommen. Stars brauchen Gatekeeper-Medien wie die Bravo nicht mehr, übernehmen Marketing und Beziehungen zu Fans großteils selbst. Die Bedeutung der Bravo ist bis zur Unkenntlichkeit geschrumpft, das Magazin erscheint nur noch monatlich, die erkaufte Auflage liegt bei knapp 45.000 Exemplaren.

