Kommt die Rede auf den Faschismus, denken wir meist an den Faschismus des letzten Jahrhunderts, der mit Namen wie Mussolini, Franco oder dem deutschen Nationalsozialismus und tödlicher Politik verknüpft ist. Doch die Welt hat sich verändert in den letzten einhundert Jahren. Sie ist schneller, vernetzter und undurchsichtiger geworden. Ist damit auch der Faschismus ein anderer geworden? Folgt man der Philosophin Eva von Redecker, ist die Antwort: ja. Deshalb, so von Redecker, brauchen wir auch einen neuen Begriff des Faschismus, um das, was wir sehen, auch greifen und adäquat beschreiben zu können.
„Phantombesitz“ als Kern des Faschismus
Eines aber haben der alte Faschismus des letzten Jahrhunderts und der neue Faschismus gemein: Besitzdenken. Also die Idee, man hätte Anspruch auf bestimmte Dinge. Hierbei handelt es sich aber selten um realen, materiellen Besitz. Vielmehr werden der Besitz und der Anspruch auf diesen imaginiert. Von Redecker bezeichnet diese Art des Besitzdenkens „Phantombesitz“. Dabei kann es sich um verschiedene Dinge handeln. Von der Nation über die Ehefrau bis hin zum Verbrenner – alles taugt dazu, Phantombesitz zu sein.
Den positiven Bezug auf Besitz kennen wir auch aus unserem alltäglichen Leben im Kapitalismus. Mein Auto, mein Garten, mein Handtuch auf dem Liegestuhl. Und was mir gehört, damit kann ich auch machen, was ich will. Merkmal des Besitzes ist, dass frei über die Dinge verfügt werden darf.
„Ich nenne Herrschaftsformen, die über einen Eigentumsanspruch vermittelt sind, (…) „Sachherrschaft“. Herrschaft über etwas, als ob es eine Sache wäre“, schreibt Eva von Redecker und zeigt auf, welche Folgen dieses Besitzdenken hat.
Der Faschismus des 21. Jahrhunderts ist anders
Dieses Besitzdenken gab es schon im alten Faschismus. Das Neue ist: Heute werden die Besitzansprüche nicht mehr kollektiv, sondern individuell formuliert. „Mein Verbrenner“ statt „unser Vaterland“. Der neue Faschismus ist ein Produkt des Neoliberalismus. Was nicht heißt, dass jede neoliberale Gesellschaft gleich faschistisch ist.
Nicht der Besitz allein, sondern vor allem, ob und wie dieser verteidigt wird, macht das Faschistische aus. Eva von Redecker spricht dabei vom Faschismus als „liquidierender Phantombesitzverteidigung“. Gemeint ist damit, den Besitz auf eine Art zu verteidigen, „die bereit ist, über Leichen zu gehen“, so von Redecker. „Die denkt, dass diese ureigenen Ansprüche von einer Macht bedroht werden, die ausgelöscht werden muss.“ Der Faschismus fantasiere sich einen Ausnahmezustand herbei, der die gewaltvolle Verteidigung unumgänglich macht.
Das Gegenüber ist dann kein gleichwertiges Gegenüber mehr, sondern ein Feind. Ein Feind, den es im Zweifelsfall auszulöschen gilt und demgegenüber Gewalt anzuwenden kein Problem darstellt, vielmehr eine Notwendigkeit. Diese Gewaltbereitschaft zeige sich im Umgang mit der Natur – man denke hier an Donald Trumps Ausspruch „Drill Baby, drill“. Und auch im Sprechen, vor allem dann, wenn etwas mit dem Feind identifiziert wird. So lässt sich etwa auch die Gewalt und Zerstörung imaginierende Rhetorik verstehen, wenn Rechte davon sprechen, Windräder niederreißen zu wollen.
„Antifaschismus muss Antikapitalismus sein“
Das hört sich düster an. Doch obwohl faschistisches Gedankengut weiter auf dem Vormarsch ist, gibt es auch Hoffnung und Widerstand, so Eva von Redecker. Wenn nämlich der Kern des Faschismus in einer hyper-individualisierten Eigentumslogik bestehe, läge die Antwort darauf im Miteinander, in Beziehungen, die horizontal und nicht vertikal verlaufen, und in einem neuen Verständnis von Solidarität, das vor allem im Sich-Umeinander-Kümmern liegt. Dies zeige sich unter anderem bei den Anti-ICE-Protesten in Minneapolis. Dort, so von Redecker, sehe man Kämpfe, die in erster Linie darin bestehen, füreinander zu sorgen. Etwa, Einkäufe für Menschen zu übernehmen, die sich derzeit nicht trauen, aus dem Haus zu gehen.
Sich zusammentun und füreinander sorgen kann also helfen. Es ist der Gegenentwurf zu „meins, meins, meins“ und Ausgrenzung. Antifaschismus muss antikapitalistisch sein, so die These Eva von Redecker. Nur wenn man die Bedingungen, die ihn hervorbringen, überwindet, kann der Faschismus besiegt werden.
Eva von Redecker: „Dieser Drang nach Härte. Über den neuen Faschismus“, S. Fischer Verlag.

