Mini-Atomkraftwerke, auch Small Modular Reactors (SMR) genannt, sind im Grunde herkömmliche Leichtwasserreaktoren. So ähnlich wie die Atomkraftwerke, die in Deutschland bis 2023 liefen, nur eben mit geringerer Leistung. Die meisten Experten ziehen die Obergrenze für „small“ bei 300 Megawatt erzeugtem Strom. Die stillgelegten Atomkraftwerke produzierten meist zwischen 700 und 1.400 Megawatt (MW). Außerdem sollen bei den Mini-AKWs die Bauteile weitgehend fertig aus der Fabrik kommen. Wegen der „modularen“ Bauweise sollen sie im Vergleich zu herkömmlichen Atomkraftwerken günstiger sein.
Baukosten von Mini-AKWs ungewiss
Ob das tatsächlich stimmt, steht aber noch nicht fest. Kritiker weisen darauf hin: Früher wurden große AKWs gebaut, um an einem Standort mit einer Anlage und einer Infrastruktur möglichst viel Strom zu produzieren und damit kostengünstig zu arbeiten. „Diesen strukturellen Nachteil müssen diese kleinen Reaktoren erstmal wieder einholen“, sagt Alexander Wimmers, der an der Technischen Universität Berlin zur Wirtschaftlichkeit der Atomenergie forscht. Um tatsächlich kostengünstiger als herkömmliche AKWs zu sein, müssten, je nach Konzept, „hunderte bis tausende“ Reaktoren des gleichen Designs gebaut werden. Derzeit gebe es jedoch gerade 400 AKWs auf der Welt.
Wie viel ein kleines modulares Atomkraftwerk am Ende kosten wird, ist bislang völlig unklar. Erstens gibt es viele verschiedene Konzepte, zweitens außerhalb Chinas noch kein fertiggestelltes Kraftwerk. Festhalten lässt sich aber zumindest: Etliche Projekte wurden eingestellt, weil die Kosten explodierten.
Weniger Leistung, weniger Wärme, weniger Risiko?
Mini-AKWs produzieren weniger Leistung. Das bedeutet aber auch: weniger Wärme und damit weniger Risiko. „Wir glauben, dass wir den Reaktordruckbehälter bei 300 MW elektrischer Leistung auf jeden Fall so kühlen können, dass er nie durchschmelzen kann“, erklärt Walter Tromm, Programmsprecher Nukleare Sicherheitsforschung am Karlsruher Institut für Technologie. Eine Freisetzung radioaktiver Stoffe in die Umgebung des Kraftwerks sei „praktisch ausgeschlossen“. Wegen der hohen Sicherheit könnten Mini-AKWs viel näher bei Städten und Industrieanlagen stehen und für diese Fern- und Prozesswärme liefern.
Problem Atommüll bleibt bestehen
Auch die kleinen Leichtwasserreaktoren erzeugen Atommüll – im Vergleich zur erzeugten Energie sogar etwas mehr als herkömmliche AKWs. Hoffnung richtet sich daher auf die zweite Gruppe der SMRs, die unter dem Begriff „Advanced Technology“ zusammengefasst werden. Anders als bei Leichtwasser-Mini-AKWs erfolgt die Kühlung zum Beispiel nicht mit Wasser, sondern anderen Substanzen wie Natrium, Blei oder Flüssigsalz. Sie sollen weniger Atommüll produzieren, der weniger lange strahlt.
Doch der Bau dieser Atomkraftwerke liegt noch viel weiter in der Zukunft als die der Leichtwasser-Minireaktoren. Alexander Wimmers von der TU Berlin sieht auch diese Technologien skeptisch. Zudem binden seiner Ansicht nach die SMRs – von denen wohlgemerkt in der westlichen Welt noch keiner am Netz ist – zu viel Geld und Aufmerksamkeit. Diese solle man besser in den Netzausbau oder Speicherkapazitäten für Wind und Sonne investieren.
Mini-AKWs in Konkurrenz zu Sonne und Wind
Ähnlich argumentiert Volker Quaschnig, Professor für Regenerative Energiesysteme an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin (HTW). Er verweist er darauf [externer Link], dass der Anteil der letzten sechs deutschen Kernkraftwerke an der insgesamt verbrauchten Energie nur noch bei drei Prozent lag. „Diese drei Prozent würden uns bei der aktuellen Öl- und Gaskrise kein bisschen weiterhelfen.“ Um wieder einen nennenswerten Anteil zu erreichen, müssten ihm zufolge in Deutschland 50 bis 100 neue Atomkraftwerke gebaut werden.
Fazit: SMRs faszinieren viele Experten, weil sie einige der Risiken der Atomkraft vermutlich reduzieren oder überwinden könnten. Bei der praktischen Umsetzung ist aber vieles noch Spekulation. Vor allem, ob die Mini-AKW wirtschaftlich mit regenerativen Energiequellen wie Sonne und Wind konkurrieren können.

