Während es uns schon als Erwachsenen in Zeiten multipler Krisen nicht immer leichtfällt, den Überblick zu behalten, ist es erst recht nicht leicht, Kindern zu erklären, was eigentlich in der Welt passiert. Was heißt es, wenn im Radio oder im Fernsehen von Angriffen die Rede ist? Warum müssen Menschen fliehen? Und kann das auch hier passieren? Fachleute raten dazu, solche Fragen ernst zu nehmen, wenn sie auftauchen, und kindgerecht darüber zu sprechen: ehrlich, aber ohne zu dramatisieren, mit Raum für Nachfragen und Gefühle. Hilfreich sei es, sich am Wissensstand des Kindes zu orientieren und Sicherheit zu vermitteln, schreibt die UNICEF [externer Link]. Und dann gibt es auch noch die persönlichen Krisen von Kindern, die gut begleitet werden wollen.
Kinderbücher können dabei helfen: Sie öffnen Räume für Fragen, erzählen von Angst, Verlust und Hoffnung und helfen Erwachsenen und Kindern, überhaupt erst miteinander ins Gespräch zu kommen. Drei solcher Bücher stellen wir hier vor.
Cornelia Funke: Ayeshas Pinsel
Die Künstlerin Ayesha wohnt in einer wunderschönen Stadt. Sie ist Stammgast im Farbenladen, denn sie hat viel zu tun. Ihre Bilder werden in Büchern abgedruckt und hängen sogar im Museum. Jedes Mal bringt sie Emil, dem Sohn der Ladenbesitzerin, eine kleine Zeichnung mit. Doch irgendwann kommt der Krieg in ihre Heimatstadt und alle Bewohnerinnen und Bewohner der Straße müssen sich vor den Angriffen in einen Bunker retten. In den dunklen, beängstigenden Raum bringt Ayesha irgendwann ihre Farben mit, und aus dem Bild, das daraufhin alle gemeinsam an die Wand malen, wird am Ende: ihre Rettung.
Das Buch von Cornelia Funke, illustriert von Pauline Pete, nimmt weder im Text noch in den Bildern ein Blatt vor den Mund. Dennoch ist es ein Buch, das Kinder ab sechs Jahren gerne vorgelesen bekommen. Denn es behandelt nicht nur das Leben der Menschen in einem Kriegsgebiet und damit einer Realität, von der viele Kinder zumindest ahnen, dass sie existiert. Es zeigt auch, was Kunst und Fantasie dem Krieg entgegenzusetzen haben.
Erschienen im Kunstanstifter-Verlag, 24 Euro
Mascha Kaléko: Abracadabra in der Sullivan Street
Das Kinderbuch von Mascha Kaléko zeigt, dass die bekannte Dichterin auch zauberhafte Geschichten für Kinder geschrieben hat. Das Gedicht spielt in New York und erzählt von Pete, der wegen seiner Zahnspange versehentlich behauptet, sein Vater sei Zauberer statt Musikprofessor – eine kleine Lüge mit Folgen. Hinter der humorvollen Geschichte steht auch Kalékos eigene Erfahrung: Als jüdische Autorin musste sie 1938 vor den Nationalsozialisten nach New York City fliehen, fühlte sich dort aber nie richtig zu Hause.
Das Gedicht aus dem Nachlass Kalékos, das vom Illustrator Thomas Müller mit Szenen in kräftigen Farben bebildert wurde, kann helfen, mit Kindern ab fünf Jahren über Themen wie Verlust, Flucht und Neubeginn ins Gespräch zu kommen. Es ist aber auch eine kleine Feier des kindlichen Einfallsreichtums.
Erschienen im dtv-Verlag, 18 Euro
Pauline Pinson: Popofisch
Dieses Buch tanzt hier etwas aus der Reihe, aber das hat es mit seinem Protagonisten gemeinsam. Der Popofisch sieht nämlich ganz anders aus als alle anderen Fische im Meer. Das macht ihn zum Gespött unter seinen Artgenossen und sehr einsam. Krisen gibt es nicht nur im Großen, Kinder erleben mitunter auch kleinere persönliche Krisen als extrem schwierige Situationen. Was, wenn ich nicht dazu gehöre? Was, wenn niemand mich mag? Der Popofisch macht sich irgendwann alleine auf in die Tiefsee und lernt dort, dass man nicht wie alle anderen aussehen muss, um einen wirklich guten Freund zu finden.
Das lustige und herzliche Buch, das von Magali Le Huche in knalligen Farben illustriert worden ist, macht Kindern Mut, sie selbst zu sein. Das macht es zu einem guten Begleiter bei kleinen persönlichen Krisen, aber auch sonst zu einem bunten Lesevergnügen für Kinder ab vier Jahren.
Erschienen im Leykam Verlag, 18 Euro

