„Black Myth: Wukong“ ist ein Computerspiel, in dem es vor allem um sehr fordernde und spektakuläre Schwert- beziehungsweise Lanzen-Duelle gegen oft übermächtige Gegner geht. Das Besondere ist aber: Es ist, nicht wie bei solchen Spielen oft üblich, in einer Fantasy-Welt angesiedelt. Vielmehr nutzt es die Mythologie Chinas, genauer: das immer noch beliebte Buch „Die Reise nach Westen“ aus dem 16. Jahrhundert als Hintergrund. Entsprechend ist das Spiel randvoll mit chinesischen Sagenfiguren und Heldengestalten, Kleidung und Waffen, Musik und Kalligrafie.
Der erste Top-Titel aus China
„Black Myth: Wukong“ kam vor anderthalb Jahren weltweit sehr gut an, bei Kritikern und Gamern. Mittlerweile werden wohl über 30 Millionen Exemplare verkauft worden sein. Und alle waren überrascht, dass ein dermaßen überzeugendes Spiel von einem Studio in China entwickelt worden war.
„Es ist der erste Top-Titel aus China und hat die chinesische Mythenwelt einem globalen Publikum nahegebracht, durch aufsehenerregende Action und hochwertige Produktion. Der kulturelle Inhalt verbreitet sich eben deshalb so gut, weil er in ein Spitzenprodukt integriert ist, das die Spielenden respektieren“, sagt Shaoyu Yuan. Er ist Professor an der New York University und erforscht unter anderem, wie die chinesische Regierung auch digitale Spiele einsetzt, um ihren globalen Einfluss auszubauen, und zwar kulturell, jenseits von Militär und Wirtschaft.
China will Soft-Power-Hegemon USA ablösen
In den letzten Jahren waren eine ganze Reihe chinesischer Spielproduktionen mit sehr chinesischem Setting im Westen erfolgreich, etwa „Honor of Kings“, „Wuchang: Fallen Feathers“ oder jüngst „Where Winds Meet“. Damit füllen chinesische Games-Firmen aber nicht nur eine thematische Lücke im globalen Games-Angebot, sondern folgen auch den Zielen der Kommunistischen Partei Chinas. So heißt es auf der Website der Pekinger Regierung: „Die Spieleindustrie ist ein wichtiger Bestandteil der Kulturwirtschaft und spielt eine bedeutende Rolle bei der Förderung sozialistischer Kernwerte, der Befriedigung der vielfältigen spirituellen und kulturellen Bedürfnisse der Bevölkerung und der internationalen Verbreitung chinesischer Kultur.“
Gerade der Halbsatz zur „internationalen Verbreitung chinesischer Kultur“ ist spannend: Nach einem Dreivierteljahrhundert amerikanischer Soft-Power-Dominanz bereitet China sich darauf vor, den bisherigen Hegemon auch kulturell zu beerben. Computerspiele, von einigen als das „Leitmedium des 21. Jahrhunderts“ bezeichnet, sind dabei zentral. Und da chinesische Konzerne ab einer gewissen Größe eine feste Abteilung haben, in der Parteikader die Firmenstrategie kontrollieren, wird diese Politik auch konsequent umgesetzt.
Chinesische Konzerne investieren massiv in westliche Spielefirmen
Dabei geht es jedoch nicht nur um Games aus China: Deshalb investieren chinesische Konzerne massiv in die großen Spielefirmen des Westens, an vorderster Front: Tencent, der umstrittene Mega-Konzern. Über Beteiligungen an oder sogar Übernahmen von westlichen Studios und Verlagen üben chinesische Firmen Einfluss auf Investitionsströme, Plattformen und Produktionsweisen der globalen Gamesbranche aus.
Chinesische Ästhetik und Kultur werden so weltweit strukturell immer präsenter. Und genau das ist ein zentrales Ziel, die Steigerung chinesischer Soft Power, sagt Shaoyu Yuan: „Für den größten kulturellen Einfluss steht nicht immer ein Symbol auf dem Bildschirm. Es kann auch ein stilles Umdenken der Spielentwicklungsstudios sein, wie sie sich den globalen Durchschnittsspieler vorstellen.“

