Demenz ist bislang nicht heilbar. Von der Volkskrankheit sind bereits heute 1,8 Millionen Menschen in Deutschland betroffen. Die Kosten könnten sich durch steigende Krankheitszahlen in der alternden Boomer-Generation bis 2060 mehr als verdoppeln.
Dabei könnte laut Studien eine umfassende Prävention fast jede zweite Demenzerkrankung verhindern oder ihren Krankheitsverlauf abbremsen. Deshalb sprechen sich die Wissenschaftsakademien – Acatech, Leopoldina und Akademienunion – in einer gemeinsamen Stellungnahme für eine stärkere „Datengetriebene Demenzprävention“ (externer Link) in Deutschland und eine neue „Dekade für Gehirngesundheit“ aus.
14 Risikofaktoren wissenschaftlich gut erforscht
Der Lancet-Bericht 2024 (externer Link) hat bereits 14 Einflussfaktoren identifiziert, die eine Demenzerkrankung begünstigen. Dazu zählen beispielsweise eine genetische Veranlagung, aber auch ein ungesunder Lebensstil mit wenig körperlicher Aktivität, Adipositas oder Nikotin- und Alkoholkonsum sowie erhöhte Cholesterinwerte im mittleren Lebensalter. Auch soziale Komponenten wie geringe Bildung oder Einsamkeit beeinflussen die Gehirngesundheit, oder Umweltfaktoren wie eine hohe Feinstaubbelastung. Deshalb schlägt eine Arbeitsgruppe der Wissenschaftsakademien jetzt ein Screening-Verfahren und nach Vorbild der bundesweiten Demenzstrategie vor, eine „Dekade für Gehirngesundheit“ zu starten.
Die Leiterin der Akademien-Arbeitsgruppe, Svenja Caspers vom Universitätsklinikum Düsseldorf und Forschungszentrum Jülich, erklärt: „Demenzen sind keine zwangsläufige Alterserscheinung und auch nur zu einem geringen Anteil erblich.“ Doch noch werde die Möglichkeit zur Vorsorge nicht umfassend genutzt. Dank Künstlicher Intelligenz sollen anonymisierte Gesundheitsdaten von Patientinnen und Patienten für Simulationsmodelle genutzt werden, um Abläufe im Gehirn besser nachzuvollziehen.
Patienten-ID könnte Demenzforschung verbessern
Da jeder Effekt der einzelnen Risikofaktoren gering ist und verschiedene Faktoren zusammenwirken, braucht die Forschung große Datenmengen, um wirksame Maßnahmen für die Gesellschaft und jeden Einzelnen zu identifizieren. Svenja Caspers betont: „Es gibt viele offene Fragen zum wechselseitigen Einfluss von Risikofaktoren und dazu, was tatsächlich in unserem Körper passiert, auf der molekularen Ebene, bei der Veränderung der Zellen und dann letztendlich beim Gesamtsystem Gehirn.“
Bislang fehlen jedoch langfristig nutzbare Gesundheitsdaten, erklärt Josef Priller, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie am TUM Klinikum Rechts der Isar in München. „Hausarztpraxen und Krankenhäuser sammeln solche Gesundheitsdaten, und auch die Versicherer. Aber es fehlt ein einheitlicher Standard, um sie übergreifend analysieren zu können.“ Helfen könnte die Einführung einer individuellen, anonymisierten Kennzahl für jeden Einzelnen. Solche „Unique Identifier“ dienen in einigen EU-Ländern bereits dazu, lebenslang alle Gesundheitsdaten von Versicherten zu erfassen. Technisch sei ein Datenschutz der sensiblen Informationen machbar, so Priller.
Mehrstufiges Konzept soll Gehirngesundheit schützen
Eine nationale Präventionsstrategie soll für die umfassende Aufklärung der Bevölkerung sorgen. Denn die eigene Gehirngesundheit kann mit guter Bildung, regelmäßiger Bewegung und soziale Aktivitäten bis ins hohe Alter positiv beeinflusst werden. Dazu soll ein zweistufiges Screening-Verfahren die Früherkennung verbessern: Ein kostengünstiges Demenz-Vorsorgescreening soll flächendeckend Menschen mit erhöhtem Risiko identifizieren.
Für diese Gruppe empfehlen die Experten eine ärztliche Beratung und ein zweites Screening- und Diagnoseverfahren, das genauer abklärt, ob sich bereits dementielle Veränderungen im Gehirn abspielen, ohne typische Symptome zu verursachen, wie Vergesslichkeit, Desorientierung oder Wesensveränderung. Dazu eignen sich beispielsweise Bluttests auf spezielle Biomarker und bildgebende Verfahren, wie NRT, CT oder PET.
Hausärzte sollten zudem gezielte Therapien vorschlagen, etwa zur Gewichtsreduktion und die Behandlung einer beginnenden Schwerhörigkeit, Sehschwäche oder einer Depression veranlassen, die eine Demenzerkrankung begünstigen können.
Wissenschaftsbasierte Apps für bessere Prävention
Spezielle Smartphone-Apps zur Demenzprävention sollen künftig auch das persönliche Risikoprofil aufzeigen. Solche Programme entwickeln deutsche Forschungsteams oder Start-Ups bereits erfolgreich für Patientenstudien. Joachim Schultze ist wissenschaftlicher Leiter beim Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen DZNE und erläutert, wie das geplante „Daten-Ökosystem“ einer nationalen Demenz-App funktionieren soll: „Unterschiedliche Programme könnten Smartphone-Nutzern wie in einem App-Store für Gehirnfunktionsmessungen bereitgestellt werden.“ Wichtig sei, dass diese wissenschaftsbasierten Apps spezielle Funktionen messen, die mit Demenz verbunden und bestimmten Gehirnregionen zuzuordnen sind.
Für die persönliche Demenz-Prävention könnten die Nutzer künftig passende Apps auswählen und zugleich auf freiwilliger Basis neuen Daten für die Forschung freigeben.

