Ein Werkzeug statt tausend
Schon vor den großen Sprachmodellen wie ChatGPT gab es durchaus KI-gestützte Hilfsmittel für blinde Menschen. Doch jedes dieser Tools konnte in der Regel nur eine Sache. „Ich hab auch keinen Bock, 1.000 Hilfsmittel und Geräte gleichzeitig einzusetzen“, meint Annelies. „Wenn ich das mit den Studienunterlagen alles einfach an einem Ort habe, dann ist das natürlich unglaublich praktisch.“
Genau hier sehen viele nun den Durchbruch: Moderne KI-Systeme bündeln viele Fähigkeiten an einem Ort. Für Annelies sind sie gleichzeitig Bildanalyst, Zusammenfasser, Tutor und Prüfungsvorbereiter. „Es macht echt Spaß. Wenn man das richtig macht, hat man einen echten Sparringspartner, der einen richtig herausfordert“, sagt sie.
Andere Blinde nutzen KI-Assistenten, um schlecht programmierte Websites zu bedienen, sie bauen sich mit KI-Agenten eigene barrierefreie Webauftritte oder nutzen smarte Brillen mit eingebauter Kamera, die in Echtzeit ihre Umgebung beschreiben können.
Wenn Halluzinationen gefährlich werden
Trotzdem ist die KI kein Allheilmittel – besonders, wenn die KI einmal Fehler macht. „Wenn ich als Blinder ein Problem lösen will, dann geht es ja dabei nicht um eine Freizeitaktivität, sondern ich will tatsächlich ein echtes, reales Problem lösen“, meint Per Busch. „Und da ist es total wichtig, dass ich mich drauf verlassen kann, was die KI da halt sagt.“
Auch hier machen die KIs zwar Fortschritte – aktuelle Modelle sind deutlich verlässlicher als ältere, und mit den richtigen Prompts werden die Ergebnisse besser. Trotzdem könnte die Zukunft hier in der Kombination von menschlicher und künstlicher Intelligenz liegen. Im Bereich der Fernassistenz gibt es bereits Dienste, bei denen die KI eine Bildbeschreibung liefert und ein geschulter Mensch dann das Ergebnis kontrolliert.
Warum wir alle profitieren können
Digitale Barrierefreiheit ist kein Nischenthema: Denn Lösungen, die für Menschen mit Einschränkungen entwickelt werden, machen am Ende das Leben aller einfacher. Fachleute nennen das den „Curb Cut Effect“ – benannt nach den abgesenkten Bordsteinkanten, die für Rollstuhlfahrer eingeführt wurden und heute auch Eltern mit Kinderwagen, Radfahrern und Lieferanten helfen.

