34 Prozent der Befragten hatten in einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag der dpa im August 2025 angegeben, sie fürchteten, ihren Arbeitsplatz durch den Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) zu verlieren. Und eine ifo-Studie im Mai letzten Jahres ergab, dass mehr als ein Viertel der Unternehmen in Deutschland davon ausgeht, dass KI bis 2030 zum Abbau von Stellen führen wird. Nur 5,2 Prozent der in der Studie aus dem Mai 2025 befragten Unternehmen rechneten mit zusätzlichen Jobs durch KI.
Zu anderen Ergebnissen kommt der Soziologe Florian Butollo. In einem Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ verweist er auf die Prognosen der Vergangenheit: „Seit wir die Debatte um den Jobverlust durch Digitalisierung haben, vor allem in den 2010er Jahren, ist das Beschäftigungsvolumen auf einen historischen Höchststand gestiegen – obwohl die Prognosen das Gegenteil vorausgesagt haben“.
Familien an der Belastungsgrenze
Zugleich sehe er die Gesellschaft am Rand der Überlastung. „Dabei wurde uns mal das Gegenteil versprochen, nämlich dass Technik uns entlastet und Zeitwohlstand schafft“, so der 49-jährige Wissenschaftler, der in Frankfurt Soziologie lehrt. Vor allem in der „Rushhour des Lebens, mit Kindern, Karriere und womöglich schon betreuungsbedürftigen Eltern“ habe die Belastung in den Familien deutlich zugenommen. Wenn beide Elternteile voll berufstätig sein sollen, brauche es Kitas und Pflegeangebote, um strukturelle Überlastung zu vermeiden.
Mehrarbeit durch komplexere Produkte
Mit der Digitalisierung würden Aufgaben komplexer und beschleunigten sich, erklärt Butollo. „Wir haben schlichtweg komplexere Produkte mit mehr Komponenten, die mehr geistige Arbeit erfordern, aber auch mehr Produktionsarbeit.“ Ein Beispiel sei die Autoindustrie: Würde heute noch das Modell T von Ford produziert, gäbe es längst Vollautomatisierung. „Aber weil es Produktkonkurrenz gibt, wird die Herstellung komplexer, und es entsteht immer wieder Neuarbeit.“
Digitale Transformation ist ein ständiger Prozess
Auch die digitale Transformation sorge ständig für neue Arbeitsaufgaben. Wie als Privatnutzer müsse man sich auch in den Betrieben laufend mit neuer Software, mit neuen Apps vertraut machen. „Man kann nicht sagen, wir stellen unsere Innovation im April 2026 ein und beschäftigen uns nicht mehr damit, was in fünf Jahren kommt“, so Butollo.
Spielen mit der KI: Unproduktiv, aber notwendig
Um den Umgang mit KI wirklich zu lernen, sei es sinnvoll, dass Beschäftigte etwa mit generativer KI „zweckfrei herumexperimentieren“, so der Forscher. „Das ist unproduktiv, aber notwendig, um in dem neuen Umfeld zurechtzukommen“ und passende Nutzungsfelder zu erkennen.
Herausforderung Klimawandel
Dazu käme die ökologische Transformation. „Denken Sie nur an die vielen Handwerker, die für den Einbau von Wärmepumpen gebraucht werden. Und wenn der Umbau misslingt, dann haben wir es mit umso größeren Aufräumarbeiten zu tun, wenn zum Beispiel Deiche erhöht oder Naturkatastrophen bewältigt werden müssen.“
Nicht mehr „einfach nur mehr Arbeit schaffen“
Butollos Fazit: Es gehe nicht darum, wie nach der bisherigen politischen Maxime einfach mehr Arbeit „zweckfrei um jeden Preis zu schaffen“. Davon müsse man weg. Es gehe vielmehr darum, das Arbeitsvermögen der Menschen sinnvoll einzusetzen und zu beachten, „welche Arbeit für eine zukunftsfähige Gesellschaft notwendig ist“.

