„Homelander“ könnte eigentlich der Titelheld eines Marvel-Films sein: blond, blauäugig, muskulös. Die Flagge der Vereinigten Staaten trägt er als Superheldencape. Die Haut: aus Stahl. Seinem Laserblick hält kein Material der Welt stand, und „Homelander“ kann fliegen. Ein übermächtiger „Captain America“ also? Nein. „Homelander“ ist kein Held, sondern ein größenwahnsinniger, imperialistischer Massenmörder.
Antony Starr brilliert als „Homelander“
In der Superhelden-Satire „The Boys“ verkörpert der neuseeländische Schauspieler Anthony Starr den großen Bösewicht brillant. Aktuell kann man ihn in der fünften und letzten Staffel der Serie bewundern, die die Amazon-Charts anführt. Im Wochentakt erscheinen dort neue Folgen.
Der besondere Kniff von “The Boys“: Die Superhelden sind hier nur Produkte eines bösen Konzerns. „Vought International“, so heißt das fiktive Unternehmen, verdient sein Geld mit Superhelden-Filmen, Superhelden-Merchandise und später auch mit Superhelden als Waffen, die überall in der Welt „Frieden und Demokratie“ bringen.
Patriotismus meets Massenmord
An der Spitze dieses Konzerns steht Homelander, die Personifikation des US-Patriotismus, der größte Held der Vereinigten Staaten. Aber wenn es hart auf hart kommt, zeigt er sein wahres Gesicht. Zum Beispiel bei einem Flugzeugabsturz. Die ikonische Szene aus Staffel 1, die exemplarisch für die Doppelmoral der US-Außenpolitik steht, spielt auch im Serienfinale wieder eine Rolle: Wir tun so, als wären wir die Guten, aber richten damit nur Schaden an.
Eigentlich wird Homelander geschickt, um die Passagiere zu retten, die Mission soll dem Konzern Milliarden Klicks auf Social Media liefern. Aber daraus wird nichts: Homelander stellt fest, dass eine Rettung physikalisch unmöglich ist – und lässt alle sterben.
„The Boys“ kritisiert die Vereinigten Staaten
Die Helden in „The Boys“ sind dagegen die normalen Menschen. „The Boys“, das ist eine Gruppe von Widerstandskämpfern um William Butcher, Hughie und die Ex-Superheldin Starlight, die versucht, dem Wahnsinn Einhalt zu gebieten und die „Supes“ aufzuhalten. Showrunner Eric Kripke versucht dabei immer, politische Missstände satirisch zu überspitzen.
So gibt es in der neuen Staffel zum Beispiel eine Art Internierungslager für Oppositionelle: Dort müssen sie in US-Unterwäsche herumlaufen, werden gefoltert oder ermordet. „Freedom makes free“ steht über diesen Lagern – eine Anspielung auf die Toraufschrift „Arbeit macht frei“ der Nationalsozialisten über vielen Vernichtungs- und Konzentrationslagern.
Auch andere Superhelden werden regierungskritisch
Am „The Boys“-Rezept orientieren sich derzeit auch andere Superhelden-Serien. Die Zeichentrick-Serie „Invincible“ ist bei Amazon erfolgreich und zeigt – ähnlich wie „The Boys“ – böse Superhelden. Auch “Daredevil Born Again“ lässt seinen Titelhelden auf Disney+ derzeit gegen ICE-ähnliche Paramilitärs kämpfen, die es auf Oppositionelle und Migranten abgesehen haben.
Auch US-Präsident Trump wird in „Daredevil“ durch die Figur Wilson Fisk, aka „Kingpin“, attackiert: Der Bürgermeister von New York inszeniert Schaukämpfe, in denen er selbst als Boxer in den Ring steigt, um von seinen kriminellen Machenschaften abzulenken.
Anspielungen auf „Longevity“ und „Operation Dildo Blitz“
In der fünften Staffel von „The Boys“ geht es noch krasser zu. Der Konzern „Vought“ kontrolliert nun die US-Regierung. Homelander regiert die USA dabei wie ein Diktator und rechtfertigt seine Taten mit Jesus und einer vermeintlich göttlichen Mission.
Außerdem jagt er die Unsterblichkeit, ähnlich wie die Milliardäre aus dem Silicon Valley. Die absurdeste Superkraft in „The Boys“ Staffel 5 wurde derweil schon von der Realität eingeholt. Der Aufseher des Internierungslagers hat einen Penis, der mehrere Meter lang ist und ein schlangen-ähnliches Eigenleben führt. Mit dieser überdimensionalen Männlichkeits-Kompensationskraft peitscht der Aufseher die Insassen aus.
Zu absurd? Die echte Welt holt „The Boys“ gerade wieder ein. So werden Einrichtungen der Migrationsbehörde ICE derzeit von Demonstranten mit Penis-Attrappen beworfen. Unter dem Decknamen „Operation Dildo Blitz“ prangerten sie die fragile, zerstörerische Männlichkeit der Regierung Trump an.

