Im Westen war schnell klar, dass am 26. April 1986 ein schwerer atomarer Unfall passiert sein musste. In Schweden wurden zwei Tage nach dem Reaktorunglück in Tschernobyl erhöhte radioaktive Werte gemessen. Die erste öffentliche Reaktion in der Sowjetunion, eine knappe Meldung in den Abendnachrichten, kam überhaupt erst zustande wegen des Drucks aus dem Ausland. Der Ton ist beschwichtigend, der Supergau wird heruntergespielt.
Auch die etwa 50.000 Einwohner in Pripjat, der Stadt der Atomarbeiter, werden erst 36 Stunden nach dem Gau evakuiert. Die sowjetische Desinformation fordert viele Menschenleben. Das angrenzende Belarus ist noch schwerer als die Ukraine betroffen, das Land verliert 485 Dörfer und Siedlungen. Durch Cäsium sind noch heute ein Großteil der Wälder und Wiesen in den Flussniederungen des Pripjat, Dnepr und Sosch radioaktiv verseucht.
Nobelpreisträgerin Swetlana Aleksijewitsch machte sich selbst ein Bild
Die belarussische Schriftstellerin und Nobelpreisträgerin Swetlana Aleksijewitsch will sich im Frühjahr 1986 ein Bild vor Ort machen: „Als ich nach Tschernobyl kam, wurde mir klar, dass wir nicht verstehen, was passiert war. Im ersten Monat nach der Katastrophe war Tschernobyl von Militärs umstellt, es gab sehr viel schweres Gerät. Ich habe überall gefragt, warum stehen hier Panzer, warum patrouillieren hier Soldaten mit Maschinengewehren? Niemand verstand, was vor sich ging. Man kommt in ein Dorf, in jedem betroffenen Dorf gab es damals eine große Grube, und da führt ein Soldat in voller Montur eine alte Frau vor sich her. Ich frage: Wo gehen Sie hin? Die Frau antwortet: Wir beerdigen Eier. Ein anderer Soldat führt einen Mann vor sich her, der Milch wegschaffen soll. Die Menschen haben die Situation nicht verstanden. Es war etwas passiert, was außerhalb unserer Kultur lag, etwas, was die Menschheit nicht kannte.“
Swetlana Aleksijewitsch hat das sicher bedeutendste Buch über die großflächige atomare Verseuchung nach dem Reaktorunglück geschrieben, ein vielstimmiger Chor von Erinnerungen, Gefühlen und Überlegungen. „Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft“: „Radioaktivität kann man nicht sehen. Sie riecht nicht, berühren darf man sie nicht. Sie ist lautlos. Aber sie bewegt sich, sie durchdringt alles. Ich begriff sofort, dass es ein intellektuelles Problem gab. Um daraus Literatur zu machen und nicht nur die tragischen Ereignisse zu protokollieren, musste ich aufzeigen, dass wir ganz gewöhnliche Leute waren, die plötzlich der Zukunft angehörten.“
Radioaktivität durchdringt alles
Für Tschernobyl, schreibt die Schriftstellerin, gebe es kein Instrumentarium, „kein System von Vorstellungen“. Das gilt bis heute. Tschernobyl wurde von russischen Truppen während der Vollinvasion in der Ukraine 2022 sechs Wochen lang besetzt. Das gilt als atomarer Terrorismus.
Im Winter 2025 schlug dann eine russische Shahed-Drohne durch die äußere Stahlwand der neuen Schutzhülle um den baufälligen Sarkophag. Das sogenannte New Safe Confinement ist mehr Maschine als Bauwerk, es soll verhindern, dass Staub nach außen dringt, wenn Reaktor 4 abgetragen wird oder in sich zusammenfällt. Diese Funktion ist fortan zerstört.
Alle Eventualitäten waren penibel bedacht worden bei der komplexen Konstruktion – es ist ein europäisches Milliardenprojekt. Dass eine russische Drohne auf den Schutz vor noch mehr atomarer Verseuchung zielen könnte, hatte niemand bedacht.

