Über 50 Jahre spannt sich diese Geschichte. Am Ende steht das Geisterhaus leer, verwittert und verlassen. Von der einstigen Pracht ist kaum etwas übrig. Dreht man die Zeit zurück, dann ist das Bild ein ganz anderes.
Spiegel der chilenischen Geschichte
Die Handlung setzt in den 1920ern ein. Im Mittelpunkt stehen die junge Clara de Valle und ihr wesentlich älterer Ehemann Esteban Trueba. Er hat das Haus gebaut, einen klassizistischen Palast, der vor teurem Interieur nur so strotzt. Clara indes wittert zwischen all dem Glanz das Übernatürliche, die Geister. Schon als Kind hatte sie Visionen, konnte Gegenstände mit ihren Gedanken bewegen und kommunizierte mit verstorbenen Menschen.
Im Roman wie in der Serie ist dieser magische Realismus wie selbstverständlich Teil der Handlung. Weder sind sie besonders fantastisch inszeniert noch gruselig, sondern fast normal, alltäglich. Düster sind dagegen die realen Ereignisse dieser Familiensaga: die Gewalt des impulsiven Patriarchen und Unternehmers Esteban; das Blut und der Schweiß seiner Feldarbeiter, ohne die das prächtige Geisterhaus nicht hätte gebaut werden können; und natürlich auch die politischen Entwicklungen im Land.
Wie leben in und nach der Diktatur?
Chile (auch wenn es weder im Buch noch in der Serie explizit genannt wird) verwandelt sich im Lauf der Erzählung von einer Demokratie in eine Militärdiktatur, was die Familie Trueba entzweit. Serienmacherin Francisca Alegria war ein kleines Mädchen, als die Diktatur in Chile unter Pinochet zu Ende ging. Auch in ihrer Familie hinterließ das Regime einen Riss, erzählt sie im Interview.
Viele ihrer Angehörigen hätten die Diktatur verteidigt, so Alegria. „Sie glaubten nicht, dass schreckliche Dinge geschahen, und sie haben mir eine völlig andere Geschichte erzählt. In der Schule habe ich das dann gemerkt und rebelliert. Das hat zu einem Zerwürfnis in meiner Familie geführt – wie bei vielen Familien in Chile.“
Die Truebas sind so gesehen eine typisch chilenische Familie. Und „Das Geisterhaus“ eine für das Land bezeichnende Familiengeschichte. Das erklärt den riesigen Erfolg des Buches von Isabell Allende (1982) und auch des Hollywood-Films von 1993 mit Meryl Streep und Jeremy Irons, der Alegria allerdings nicht besonders gefallen hat.
Serienmacherin kritisiert Hollywood-Verfilmung
Sie habe sich vor allem an der amerikanischen Besetzung gestört, sagt sie. „Ich fühlte mich von diesem Film nicht repräsentiert.“ Gleichzeitig sei der Film ein Meilenstein gewesen, gibt sie zu. Immerhin war es das erste Mal, dass ein chilenischer Stoff für das internationale Kinopublikum adaptiert wurde.
Die neue Serie ist – im Gegensatz dazu – eine vor allem lateinamerikanische Produktion mit größtenteils lateinamerikanischen Darstellern, die hierzulande kaum bekannt sind. Gedreht wurde in Südamerika, auch in Chile. Das macht die Erzählung direkt und glaubhaft.
Ihr Respekt vor dem Stoff sei riesig gewesen, sagt Alegria. „Es ist eine große Herausforderung, diese epische Geschichte, die sich über mehr als 50 Jahre spannt, mit ihren unterschiedlichen Figuren, den sozialen und politischen Konflikten, Liebschaften und Morden in acht Kapiteln zu erzählen.“
Würdige Neuverfilmung des Jahrhundert-Romans
Den Serienmacherinnen gelingt dieses Kunststück. Sie halten sich eng an die Buchvorlage und stärken die Perspektive der Frauenfiguren, allen voran die von Clara. Mit rund sieben Stunden Spielzeit kann die Serie außerdem wesentlich mehr in die Tiefe gehen als der Film. Die Konflikte steigern sich langsam. Auch Nebencharaktere wachsen einem ans Herz.
Hier zeigt sich besonders gut, was das Serienformat leisten kann, wenn die Geschichte trägt. Nach der Netflix-Serie „100 Jahre Einsamkeit“ (auf der Grundlage des Romans von Nobelpreisträger Gabriel Garcia Marquez) ist „Das Geisterhaus“ die zweite überaus gelungene Streaming-Verfilmung eines südamerikanischen Jahrhundert-Romans.

