Das Eck-Büro im dritten Stock mit dem Blick über den Nürnberger Hauptmarkt wird Julia Lehner (CSU) behalten. Allerdings nicht mehr als Kultur-Bürgermeisterin. Doch die 72-Jährige wird weiterhin gebraucht. Die Kongresshalle auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände soll unter anderem zur Spielstätte des Staatstheaters werden. Lehner hat das Projekt seit Jahren begleitet. Und das wird sie auch weiter tun, allerdings „großteils ehrenamtlich“, wie sie sagt.
Julia Lehner steht neuer Stiftung vor
Die Aufgaben sind gewaltig. Bis zum Jahr 2028 sollen in dem ehemaligen Nazi-Bau Räume für Kunst und Kultur aller Sparten entstehen, unter anderem auch eine neue Oper. Rund 300 Millionen Euro soll das Projekt kosten. Der Stadtrat hat eine Stiftung eingerichtet, die die Finanzierung sichern soll. An deren Spitze steht: Julia Lehner.
„Diesen emblematischen Ort mit nationaler, internationaler Bedeutung durch Kunst und Kultur im Gespräch zu halten, das ist eine der großen Herausforderungen“, erklärt Lehner im BR-Interview. „Darüber hinaus ist es ja unser Wunsch und unser Ziel, dass im Sinne einer Stiftung dauerhaft Bund und Land mit in die Finanzierung gehen.“
Kann der Bürgermeister auch (noch) Kultur?
Eigentlich ist das eine Aufgabe für eine Vollzeitstelle. Doch CSU und SPD, die auch in den kommenden sechs Jahren gemeinsam die Stadt regieren, haben sich dagegen entschieden. Um alle Kultur jenseits der Kongresshalle kümmert sich künftig CSU-Oberbürgermeister Marcus König. Sie wird Chefsache. „In einer Zeit, in der alle sparen müssten, könne er keinen weiteren Häuptling installieren“, sagt König. „Sondern ich habe gesagt, dann mache ich jetzt mal Kultur für Nürnberg.“
Einige Bereiche, um die er sich bisher kümmerte, hat König abgegeben. Beispielsweise die Digitalisierung im Rathaus. Trotzdem, die Opposition im Stadtrat befürchtet, dass die Kultur künftig an Stellenwert verlieren wird, sagt Titus Schüller von der Linken. Der Tag habe schließlich auch nur 24 Stunden. „Er kann das nicht einfach nebenbei mitmachen“, so Schüller. „Das ist vollkommen unrealistisch. Er spricht jetzt davon, dass das Chefsache alles wird. Das Gegenteil ist der Fall. Es ist eine Beerdigung erster Klasse.“
Marcus König plädiert für weiten Kulturbegriff
Ernesto Buholzer Sepulveda, Stadtrat der Wählergruppe „Politbande“, gibt sich dagegen zweckoptimistisch. Die Wählergruppe ist in der freien Kulturszene verwurzelt. Er hoffe, dass der Oberbürgermeister neben seinen vielen anderen Aufgaben, diese Szene nicht aus den Augen verliere, vor allem angesichts der kulturellen Großprojekte, die die Stadt aktuell beschäftigen: „Wenn das Chefsache ist, dann ist die Erwartung ganz, ganz klar, die freien Szenen stark zu fördern, die Nürnberg auch sehr stark abheben im Vergleich zu anderen Großstädten wie München zum Beispiel.“
Oberbürgermeister König selbst sieht sich nicht nur in der Hochkultur verwurzelt. Ein, zwei Premieren im Staatstheater wolle er pro Saison weiterhin besuchen, sagt er. Er verstehe Kultur allerdings als zentrale demokratische Infrastruktur. Und die umfasse viel mehr. „Ich glaube, in einer Zeit, wo ja oftmals nur noch das Trennende gesucht wird, müssen wir das stärken, was uns verbindet“, so König. „Und da zählt die Stadtteil-Kirchweih genauso dazu wie im Opernhaus die neue Premiere oder auch unser neuer Ballettdirektor, der eine hervorragende Arbeit macht.“

