In einem Gymnastikraum der Kinderklinik der Uni Erlangen haben es sich rund ein Dutzend Kinder, begleitet von Eltern, Kuscheltieren oder Pflegepersonal auf Sitzkissen und Matten gemütlich gemacht. Sie lauschen gebannt der Geschichte von „Titus und der verwunschene Wald“: Der kleine Titus muss gleich ganz allein in den großen finsteren Wald und hat davor ziemlich Angst. Ein Gefühl, das hier an der Klinik wohl jeder kennt – Angst vor der Krankheit, vor der Ungewissheit, vor den Behandlungen, vor dem Alleinsein.
„Ich schlag‘ dem Drachen den Kopf ab!“
Die leitende Erzieherin der Kinderklinik Marion Müller hat die heilsamen Erzählstunden eingeführt. Sie ist zudem ausgebildete Märchenerzählerin und erlebt jeden Tag, wie die Geschichten den Kindern helfen können. Die Geschichten seien Hoffnungsträger, so Müller, und machten den Kindern Identifikationsangebote: „Ob das jetzt ein Superman ist oder der Dummling im Märchen, das spielt keine Rolle. Ich muss eine Position finden, wo ich sagen kann, da bin ich, ich schlage dem Drachen den Kopf ab als Symbol für meine Erkrankung. Ich bin der Held!“
Worte finden für das Unaussprechliche
Geschrieben hat die Titus-Geschichte der Bamberger Autor Martin Beyer. Er liest und erzählt sie hier an der Kinderklinik auch gleich selbst, bezieht die Kinder immer wieder mit ein, lässt sie raten, wie es weitergehen könnte, fragt sie, was denn Titus als Nächstes tun soll. Er hat für seinen letzten Roman „Elf ist eine gerade Zahl“ (List-Verlag 2025) hier an der Kinderklinik in Erlangen recherchiert und hat dabei Müller und das heilsame Erzählen kennengelernt. Die Geschichten helfen den Kindern, Worte für das oft Unaussprechliche zu finden, so die Erfahrung des Autors. „Ich glaube, dass Geschichten einem das Gefühl von Selbstwirksamkeit geben können, es gibt doch Wege, es gibt Lösungen, diese Märchen spiegeln genau diese Situation.“
Für die Kinderklinik der Uni Erlangen sind psychosoziale Angebote, wie das Geschichtenerzählen, wichtige Bausteine bei der Behandlung. Auch um den durchgetakteten Klinikalltag durchzuhalten oder um schmerzhafte Therapien besser auszuhalten. „Dieses Phantasiegebäude kann schon dazu führen, dass Kinder und Jugendliche Formulierungshilfen bekommen und erkennen: Was ist mir wichtig und wie gehe ich mit dieser Situation um?“, erklärt Klinikdirektor Professor Joachim Wölfle.
Angst und Schrecken bewältigen
Und auch drastische Geschichten mit Angst und Schrecken könnten den Kindern und Jugendlichen dabei helfen, sich selbst zu vergegenwärtigen, was ihnen eigentlich Angst macht und dafür Ausdrucksmöglichkeiten zu bekommen. Der Klinikdirektor fürchtet aber, dass genau solche Angebote bei der aktuellen Debatte um das Gesundheitssparpaket unter den Tisch fallen könnten. Medizin könne viel – aber sie könne nicht dabei helfen Worte und Bilder zu finden, die das oft Unaussprechliche erträglicher machen. Geschichten und Märchen dagegen können das. Das erleben Marion Müller und ihre Kolleginnen und Kollegen jeden Tag auf den Stationen der Kinderklinik der Uni Erlangen. Für sie sind die Kinder hier die Superhelden.

