Der Deutschunterricht der 5 b an der Städtischen Elly-Heuss-Realschule in München läuft für die Schüler nach Lehrplan. Ihre Lehrkraft dagegen ist durchaus etwas Besonderes: Sümeyra Büttner hat ihr Lehramtsstudium nämlich noch nicht beendet. Trotzdem gibt sie schon eigenständigen Unterricht an der Elly-Heuss-Realschule. „Eine sehr gute Möglichkeit, um Praxiserfahrung zu sammeln“, sagt sie.
Höherer Bedarf an Lehrkräften durch G9-Wiedereinführung
Eine Möglichkeit, die das bayerische Kultusministerium schon vor einigen Jahren geschaffen hat. Aushilfslehrkräfte – nicht nur, aber eben auch Studierende – dienten „in erster Linie dazu, den Unterricht verlässlich sicherzustellen“, heißt es vom Kultusministerium auf BR-Anfrage. Und jetzt, im ersten Schuljahr, in dem Gymnasialschüler wieder neun statt nur acht Jahrgangsstufen durchlaufen müssen, ist der Bedarf nochmal gestiegen, sagt das Landesamt für Schule, das für die Anstellung von Studierenden an staatlichen Realschulen, Gymnasien und Fachoberschulen zuständig ist: Allein dort unterrichten bayernweit aktuell rund 640 Studierende – 200 mehr als im Schuljahr davor.
Hinzu kommen Studierende, die an städtischen und privaten Schulen unterrichten, aber nicht zentral erfasst werden – wie Sümeyra Büttner an der Elly-Heuss-Realschule: Dort ist sie eine von aktuell sieben Studierenden, die schon vor ihren Examen unterrichten – bei aktuell rund 70 regulären Lehrkräften. „Wir haben ausschließlich gute Erfahrungen mit den Studierenden gemacht“, sagt Schulleiter Christian Lehnert. „Das ist auch keine Überraschung: Es gibt sicher einfachere Studentenjobs als an einer Schule zu unterrichten. Und wer sich dann doch dafür entscheidet, ist hochmotiviert.“
BLLV übt Kritik an „Entprofessionalisierung“
Dennoch gibt es auch Kritik an dem vorzeitigen Einsatz von Lehramtsstudierenden in der Schule, unter anderem vom Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV): Präsidentin Simone Fleischmann befürchtet eine „Entprofessionalisierung“ sowohl in der Schule als auch in der Lehrerausbildung: „Ich weiß nicht, ob wir einen Studierenden operieren lassen würden und ob wir einen Jurastudierenden schon die Rechtsprechung sprechen lassen wollen bei einem schweren Fall vor Gericht.“
Prinzipiell müsse immer das Studium Vorrang vor der Praxis haben, dann könne man immer noch sagen: „Wenn man mal die ein oder andere Stunde schon im Feld ist, gut so – dann aber begleitet. Aber ausnützen können wir die jungen Kolleginnen und Kollegen nicht.“ Zumindest werden die Studierenden aber stundenweise nach Beamten-Tarif bezahlt – je nach Studienstand gilt die Entgeltgruppe E10 oder E11.
Kultusministerium: Begleitung von unterrichtenden Studierenden nötig
Eine Begleitung „durch eine erfahrene Lehrkraft“ empfiehlt derweil auch das bayerische Kultusministerium, wenn Studierende schon unterrichten, denn „die Übernahme von eigenverantwortlichem Unterricht alleine“ trage „nicht in jedem Fall zu einer schulpraktischen Professionalisierung bei“. Verbindlich geregelt ist die fachliche Begleitung allerdings nur bei den im Rahmen des Studiums vorgesehenen Schulpraktika. Bei Studierenden, die darüber hinaus unterrichten, um berufsnahe Praxiserfahrungen zu sammeln, ist es den Schulen überlassen, die Tätigkeit der „unfertigen Lehrkräfte“ entsprechend professionell zu rahmen.
Das sei allzu oft nicht der Fall, kritisiert Klaus Zierer, Schulpädagoge an der Universität Augsburg. Er hält es für falsch, Studierende eigenverantwortlich unterrichten zu lassen. „Wir bekommen an der Universität ja mit, wenn Studierende genau diesen Schritt gehen, und sehen an der Stelle, dass viele, die den Schritt gegangen sind, überfordert sind im Studium.“ Oftmals hätten die Studierenden vor lauter Unterricht und dessen Vor- und Nachbereitung keine Zeit für die Seminare und Vorlesungen an der Uni, „sodass damit die eigentliche Lehrerbildung massiv darunter leidet und das ist eine absolute Überforderung der Studenten“.
Spagat zwischen Hörsaal und Klassenzimmer
Auch Sümeyra Büttner an der Elly-Reuss-Realschule sagt: Der Spagat zwischen Hörsaal und Klassenzimmer gelinge sicher nicht jedem. „Aber ich komme gut damit zurecht und es ist ja auch ein freiwilliges Angebot – wäre ich überfordert, würde ich es nicht machen“, sagt die 25-Jährige.
Entsprechend hat sie in den zwei Jahren, in denen sie nun schon an der Realschule unterrichtet, ihr Pensum an Wochenstunden auch peu a peu erhöht: Derzeit unterrichtet sie insgesamt 15 Wochenstunden Deutsch und Englisch in der fünften und siebten Klasse. Und bei alledem ist sie mit einer 2,4 bei ihrem unlängst abgelegten ersten Examen rein notenmäßig auch eine „gute“ Studentin.

