Wer in den vergangenen fünf Jahren auf der A93 unterwegs war, hat die Baustellen des Ostbayernrings mit ihren riesigen Hochspannungsmasten mit Sicherheit wahrgenommen: Spätestens durch die großen Sicherheitsnetze, die während der Bauzeit überall dort aufgespannt wurden, wo die Leitung die Autobahn oder Bahnlinien überquert. Der 185 Kilometer lange Ostbayernring ist die zentrale Höchstspannungsleitung für die Versorgung Oberfrankens und der Oberpfalz.
Stromkapazität mehr als verdoppelt
Er war ursprünglich Anfang der 1970er-Jahre gebaut und immer wieder ertüchtigt worden, seit 2021 wurde er entlang seiner alten Trasse als Freileitung mit insgesamt 440 Masten neu errichtet. Rund fünf Jahre betrug die reine Bauzeit, von der Feststellung des Bedarfs eines Neubaus durch die Bundesrepublik bis zur Fertigstellung sind insgesamt 13 Jahre vergangen. Der Ersatzneubau dient vor allem einer Erhöhung der Übertragungskapazitäten: Statt der bisherigen Kombination aus 380-Kilovolt und 220-Kilovolt-Stromkreisen sind auf den neuen Ostbayernring zwei vollständige 380-Kilovolt-Stromkreise aufgelegt. Die Übertragungskapazität wurde dadurch laut Netzbetreiber Tennet mehr als verdoppelt, die geplante Lebensdauer der neuen Leitung beträgt 80 bis 100 Jahre.
Mehr Sonnen- und Windstrom soll transportiert werden
Das war auch das Ziel des Ausbaus: Durch die zunehmende Einspeisung aus Wind- und Solarparks in Oberfranken und der Oberpfalz stieß der bisherige Ostbayernring regelmäßig an seine Kapazitätsgrenzen – insbesondere an sehr sonnigen und windigen Tagen. Die Folge war eine regelmäßige Abschaltung der erneuerbaren Energieanlagen in der Region, weil das Netz ihren Strom nicht aufnehmen konnte. Durch den Ersatzneubau sollen Solarparks und Windräder künftig wesentlich seltener abgeschaltet werden müssen.
Deutlich mehr Überschüsse können in Richtung der Verbrauchszentren – vor allem die großen Städte Bayerns – transportiert werden, so Tennet-Sprecher Markus Lieberknecht. Das senke auch die so genannten „Redispatch-Kosten“, die sich letztlich auch auf den Strompreis auswirken. Diese Kosten entstehen, wenn Netzbetreiber gezielt in das Stromnetz eingreifen müssen, um Engpässe oder Überlastungen zu verhindern – etwa indem Kraftwerke hochgefahren oder abgeschaltet werden. Tennet spricht hinsichtlich des Ostbayernrings daher von einem „Meilenstein für die Energiewende in Bayern“.
Milliardenprojekt war nicht unumstritten
Kritik an dem Riesenprojekt gab es durchaus: Die Stadt Schwandorf hatte 2022 beispielsweise eine Klage erwogen, sich am Ende aber dagegen entschieden. Auch mehrere Bürgerinitiativen sprachen sich gegen den Ostbayernring aus – vor allem dort, wo der Ersatzneubau von der vorherigen Trasse abweicht. Insgesamt hielt sich die Kritik im Vergleich zu anderen großen Trassenbauprojekten eher in Grenzen. Hinsichtlich der Kosten veröffentlicht Tennet aufgrund seiner Unternehmensstruktur seit einigen Jahren keine Zahlen mehr für einzelne Projekte, sondern nur noch die Gesamtsumme der Jahresinvestitionen des Konzerns. Die aktuellsten öffentlichen Zahlen zum Ostbayernring stammen daher aus dem Jahr 2022: Damals waren die Gesamtkosten für den Ersatzneubau von Tennet sowie der Europäischen Investitionsbank mit rund einer Milliarde Euro angegeben worden.
Unterschiede zwischen Ostbayernring und Südostlink
Der Ostbayernring ist nicht zu verwechseln mit der Gleichstromtrasse Südostlink – dem anderen aktuell im Bau befindlichen großen Trassenprojekt im Osten Bayerns. Der Südostlink wird unterirdisch mit Erdkabeln verlegt und soll von Wolmirstedt in Sachsen-Anhalt aus Windstrom aus Nord- und Ostdeutschland zum ehemaligen Kernkraftwerk Isar bei Landshut transportieren. Er enthält keinerlei Zwischenstationen, an denen Strom eingespeist oder entnommen werden kann. Der Ostbayernring dagegen verläuft komplett überirdisch, führt Wechselstrom und ist über vier große Umspannwerke (Redwitz, Mechlenreuth, Etzenricht und Schwandorf) direkt mit den regionalen Verteilnetzen verbunden. An das Umspannwerk Etzenricht bei Weiden führt zudem die einzige direkte Verbindung des bayerischen mit dem tschechischen Stromnetz.

