Sie stehen auf Wiesen, an Waldrändern und mitten im Revier: Hochsitze gehören zum vertrauten Bild der Kulturlandschaft. Doch als Bauwerke nimmt sie kaum jemand wahr. Ein neuer Bildband zeigt die oft überraschenden, manchmal skurrilen und immer individuellen Konstruktionen.
Für Jäger Roland Gassner und Jägerin und Försterin Melitta Diener aus dem Landkreis Amberg-Sulzbach ist der Hochsitz vor allem eines: ein praktisches Hilfsmittel für die Ansitzjagd. Dass darin auch Architektur stecken könnte, darüber haben beide bisher kaum nachgedacht. „Ästhetik ist schon auch mit dabei – im Sinne davon, wo er steht und wie er in die Natur eingefügt ist. Aber Architektur hätte ich nie darin gesehen“, sagt Gassner. Dabei verbringt Melitta Diener viel Zeit auf Hochsitzen. Für sie sind diese Orte nicht nur Arbeitsplätze: „Es ist ja auch schön, dort zu sein und einfach die Natur zu erleben. Man sieht immer irgendwas.“
Architektur mitten im Wald
Der Künstler und Verleger Wilhelm Koch aus Amberg betrachtet den Jägersitz nun aus einer ganz anderen Perspektive. Für ihn ist der Hochsitz eine bislang kaum entdeckte Form von Alltagsarchitektur. „Der Jägersitz ist etwas Konstruktiveres, also eigentlich ein bisschen Architektur. Er soll ja stehen bleiben, deshalb ist die Statik sehr wichtig. Das sieht man den Objekten auch an“, sagt Koch.
Manche Konstruktionen seien sorgfältig geplant, andere eher improvisiert – manchmal sogar so, dass man sich um ihre Standfestigkeit sorgen müsse. Vor allem aber seien sie individuell: „Was wir hier dokumentieren, sind ältere, selbstgebaute Jägersitze – keine industriell gefertigten Modelle. Und die sind ebenso individuell wie der Jäger oder die Jägerin selbst.“
Jeder Hochsitz ein Unikat
Für den Bildband haben fünf Fotografinnen und Fotografen aus Hamburg, Niederbayern und vor allem aus der Oberpfalz rund 300 Hochsitze fotografiert. Entstanden sind Aufnahmen aus der Oberpfalz, Niederbayern und entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze – im Schnee, im Sommer, in Schwarzweiß und in Farbe.
Auch Hobbyfotograf Rudi Wilhelm war zunächst skeptisch. Zu eng verband er den Hochsitz mit Jagd und Schießen. Doch mit einem anderen Blick änderte sich seine Haltung: „Als ich mich vom Jagdwesen gelöst habe und das nur handwerklich und architektonisch gesehen habe, dann war ich dabei.“
Die Fotografien zeigen eine erstaunliche Vielfalt: Hochsitze auf Rädern, verwitterte Holzkonstruktionen, kleine Häuser auf Stelzen, getarnte Kanzeln, Bauten über Bachläufen oder sogar umfunktionierte Gegenstände wie ein ausrangierter Tennisschiedsrichterstuhl.
Vom Waldschutz zum Kultobjekt
Die Architekturkritikerin Ira Mazzoni hat für den Bildband einen Text zur Geschichte des Hochsitzes verfasst. Sie sieht seine Entstehung im Zusammenhang mit Veränderungen der Waldnutzung im 18. und 19. Jahrhundert. „Dadurch, dass die Wälder anders genutzt werden und es eine Trennung von Wald- und Ackerbau gibt, werden die Waldränder bewacht – dort, wo das Wild wechselt. In diesem Moment entstehen wohl auch Hochsitze.“
Erstmals erwähnt wurde der Begriff „Hochsitz“ laut Mazzoni im Jahr 1887 in Meyers Konversations-Lexikon. Das Grundprinzip hat sich bis heute kaum verändert: Durch die erhöhte Position kann das Wild die Witterung des Menschen schlechter aufnehmen, gleichzeitig sorgt der erhöhte Schusswinkel dafür, dass Geschosse im Boden aufgefangen werden.
Der limitierte Bildband ist im Büro Wilhelm Verlag in Amberg erschienen. Neben Fotografien und kunsthistorischer Einordnung enthält er auch literarische Beiträge – unter anderem ein Gedicht und eine kleine Hymne auf den Hochsitz des Satirikers Oliver Maria Schmidt. Eine Auswahl von 150 Bildern ist außerdem kostenlos in einer öffentlich zugänglichen Ausstellung zu sehen – im Park des Unternehmens Lüdecke in Amberg.

