Bäckermeister Andreas Fickenscher aus Münchberg in Oberfranken steht vor seinen Backwaren und hält ein Tablet in der Hand. Damit will er mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz (KI) eine Prognose bekommen, wie viel Ware seine Mitarbeitenden nachmittags noch fertigbacken sollen; damit abends nicht zu viel übrig bleibt.
„Früher sind die Entscheidungen aus dem Bauch heraus getroffen worden.“ Um das zu ändern hat er mit Hilfe von KI eine Art „Co-Piloten“ geschaffen, der alle Daten im Hintergrund auswertet und eine Empfehlung gibt, welches Gebäck noch frisch gebacken werden soll.
KI weiß: Wie viele Brötchen wurden im letzten Jahr an einem Sommertag verkauft?
Mit einem Tablet fertigt der Bäcker und seine Mitarbeitenden vom Bestand in der Theke ein Foto an. Die KI erfasst so die vorhandene Ware. Dies wird mit hinterlegten Daten der Kassen, also aus dem Verkauf der vergangenen Jahre abgeglichen, um zu ermitteln, wie viele frische Ware überhaupt zum jeweiligen Zeitpunkt noch gebraucht wird. Das System weiß zum Beispiel, wie viele Brötchen in den letzten Jahren an einem Donnerstagmittag im Hochsommer benötigt wurden.
Die Familie Fickenscher führt ihre Bäckerei in der elften Generation – 2025 wurde der 400. Geburtstag gefeiert. Doch Tradition allein reicht nicht. Die Herausforderungen sind groß, sagt Andreas Fickenscher. „Die Entwicklung im Bäckerhandwerk sollte uns eigentlich allen zu denken geben, weil aktuell 600 Betriebe jedes Jahr schließen. Ich glaube, dass das eine große Chance ist und wir uns viel Ballast von den Schultern schaffen können“, so der Bäckermeister.
Arbeitsseelsorger: Höhere Wertschöpfung von Personen
Pfarrer Peter Lysy ist Arbeitsmarktexperte der evangelischen Kirche und tauscht sich mit Experten zum Thema KI aus. Er stellt fest: „Es geht weniger um Arbeitsplatzabbau, sondern eher darum, dass bestimmte Jobprofile sich verändern. Zum Beispiel wird ein Teil eines Jobs durch KI-Anwendungen umgesetzt.“ Dabei gingen keine Jobs verloren. Es gehe um Optimierung, und um höhere Wertschöpfung von einzelnen Personen.
Auch in seiner Backstube hinterfragt Andreas Fickenscher schon länger, ob die Prozesse noch zeitgemäß sind. Bis auf Brot werden deshalb alle anderen Teiglinge mittlerweile tagsüber hergestellt. Das hat viele Vorteile. Der Bäcker hofft, leichter neue Mitarbeiter zu finden.
Einkauf von Rohstoffen mit Hilfe von KI optimieren
Die KI hilft dem Bäcker auch beim Einkauf der Rohstoffe. Mandeln habe er bisher vor Weihnachten gekauft, so Fickenscher. Allerdings seien da die Preise am Höchsten. „Wir haben die Rechnungen der letzten Jahrzehnte da und kennen die Haltbarkeit des Produkts. Und wir haben auch die Mengen, die wir brauchen.“ Diese Daten lässt Fickenscher zusammenfließen und die KI errechnet ihm, dass jetzt der optimale Zeitpunkt wäre, Mandeln zu kaufen.
In großen Unternehmen könnte diese KI-Entwicklung Arbeitsplätze kosten. Doch in seinem mittelständischen Betrieb entlaste das vor allem ihn als Eigentümer, sagt Fickenscher. Das Unternehmen hat die KI mit Forschungseinrichtungen und dem Mittelstand-Digital-Zentrum der Handwerkskammer Oberfranken entwickelt.
Kirchenvertreter Peter Lysy spricht von einem Wandel. „Wenn wir an die Landwirtschaft denken, haben vor 100 Jahren auf einem normalen Feld vielleicht 15 Leute gearbeitet, plus drei bis vier Tiere.“ Das mache heute ein Bauer mit seinem Maschinenpark. Der Maschinenpark habe aber auch Arbeitsplätze geschaffen, die Maschinen würden ja von irgendjemand entwickelt und gebaut, sagt der Arbeitsseelsorger. So ähnlich könne man sich das mit KI vorstellen.
Gefährdet die KI Arbeitsplätze?
Die KI verändert die Arbeitsprozesse. Auch Andreas Fickenscher denkt schon weiter. So überlegt er, ob ein Teil der vielfältigen Aufgaben wie das sogenannte Wirken des Brotes oder die Reinigung in der Backstube zukünftig von KI gesteuerten Robotern übernommen werden kann. Die eingesparte Arbeitszeit seiner Mitarbeiter könne er dann für andere Produkte und die Kundenbindung einsetzen. So will der Unternehmer das Überleben seiner traditionsreichen Bäckerei sichern.

