Werden wir immer kindischer, immer unreifer, immer eigensüchtiger und empfindlicher? Eine Streitfrage, die viele beschäftigt, je nach eigenen Erfahrungen und Beobachtungen. Der Burghauser Theatermacher Mario Eick jedenfalls ist beunruhigt über die Tendenzen zur Verniedlichung und den Rückzug vieler, vom Alltag offenbar überforderter Erwachsener in künstliche, eingebildete Kinderparadiese.
Literarisches Vorbild dafür ist natürlich Peter Pan, der Kinderbuchheld des schottischen Autors James Matthew Barrie (1860 – 1937). Niemals erwachsen werden zu müssen, das ist der große Traum von diesem Peter Pan, ein Traum, den offenbar furchterregend viele Menschen heutzutage teilen, so Mario Eick: „In Japan verschwinden jedes Jahr 80.000 Menschen, meist zur Monsun-Zeit. Das muss man sich mal vorstellen: Als würde man mal eben Zigaretten holen gehen, man nimmt einen kleinen Rucksack mit, unten wartet ein schwarzer Lieferwagen, dann wird man abgeholt und in ein neues Leben gebracht.“
Dafür gebe es in Japan eigene Agenturen, die man sehr teuer bezahlen müsse: „Dann taucht man unter in einer anderen Stadt. Der Grund dafür ist einerseits Versagen im Berufsleben, Mobbing, Terror in der Ehe, manchmal aber auch einfach nur dieser Frust, erwachsen zu sein und die Überlastung, das Erwachsensein, nicht mehr aushalten zu können.“
„Man möchte wieder Kind sein und spielen“
Auch im Rest der Welt neigten verblüffend viele Erwachsene zu infantilen Ritualen und Kostümierungen, so Eick, der mit seinem Theater für die Jugend im oberbayerischen Burghausen zu dem Thema jetzt ein Freilichtstück geschrieben und inszeniert hat: „Wenn man heute in unsere Gesellschaft schaut, dann sieht man ja solche Tendenzen, dass Leute immer mehr in die Infantilisierung kommen. Man möchte einfach wieder Kind sein und spielen und man möchte wenig Verantwortung für sich übernehmen.“
„Jetzt muss ich irgendwann erwachsen werden“
Gegen Zweijahresgehälter kaufen sich frustrierte Erfolgsmenschen im Stück von Mario Eick auf eine Insel ein, die von Peter Pan regiert wird. Dort darf jeder Kind bleiben, Verantwortung abgeben, den ganzen Tag spielen. Allerdings kommen nach und nach alle Interessenten auf rätselhafte Art und Weise ums Leben, bis der Schlusschor der Geister die berühmte Hymne „Forever Young“ anstimmt, bekannt von der deutschen Synthie-Pop Band Alphaville aus dem Jahr 1984. Wer ewig jung bleiben will, der muss früh sterben, so die Botschaft.
„Es ist ja nicht so, dass man erwachsen ist, wenn man einen Ausweis in die Hand gedrückt bekommt oder eine Flasche Schnaps, das ist klar“, so Eick: „Am Anfang, im Prolog des Originalstückes, ist sogar die Zeit benannt, wo der Reifeprozess losgeht: ‚Mit zwei Jahren, das war meine erste Erinnerung, meine Mutter sagte zu mir, warum kannst du nicht immer so bleiben wie jetzt – und da wusste ich, dass ist der Anfang vom Ende. Jetzt muss ich irgendwann erwachsen werden.'“
„Keiner kann die Welt retten – außer Erwachsene“
Ab dem 2. Lebensjahr schon daran zu arbeiten, erwachsen zu werden, das dürfte die meisten doch überfordern. Oft ist jedoch später im Leben der Druck in Familie und Beruf übergroß, ist die Sehnsucht nach völliger Freiheit und Verantwortungslosigkeit unstillbar. Die Regression, der Rückzug in die eingebildete Kindheit, scheint dann Entlastung zu versprechen, Glücksgefühle auszulösen.
Der falsche Weg, so Eick: „Keiner kann die Welt retten, außer wir Erwachsenen. Wir tun das zwar nicht, aber wir könnten es, Kinder können das nicht. Wir haben die Möglichkeit, Sonnenaufgänge und Sonnenuntergänge zu schätzen, all diese wunderschönen Dinge, und wir übersehen das in dem ganzen Stress und in diesem ganzen Geplagtsein und in unserer Opferhaltung, sind dabei ständig frei von Freude.“
In milden Sommernächten ist dieses Gleichnis auf Peter Pan ein so poetisches (Ausstattung: Simone Sommer) wie beklemmendes Theatererlebnis. „Forever Young“ – eine gruselige Vorstellung, im wortwörtlichen und im übertragenen Sinne.
„Peter Pan“, Theater für die Jugend Burghausen, bis 2. August 2026 open air im Bräugartl.

