Helen ist eine unabhängige, gebildete junge Frau, sie unterrichtet Wissenschaftsgeschichte in Cambridge, liebt die Natur und liest gern. Bis ihr Vater, ein bekannter Fotojournalist und ihr engster Vertrauter, völlig unerwartet stirbt. Daraufhin versinkt Helen in Trübsal, sie verliert völlig den Halt, kann sich nicht mehr konzentrieren, immer wieder erscheint ihr der Vater, lebt mehr in der Erinnerung an ihn als im Alltag. Da fällt ihr ein alter Traum wieder ein: Sie will Falknerin werden und kauft einen Habicht.
Die Tiere gelten als die wildesten und verrücktesten Raubvögel, Helen weiß das – trotzdem entscheidet sie sich beim Kauf für den unruhigeren, den nervöseren Vogel. Von Anfang an sucht sie die Herausforderung, das Wilde in diesem neuen Gegenüber.
Helen verliert sich in ihrer neuen Rolle als Falknerin
Von nun an zählt nur noch Mabel, wie sie den Habicht bald liebevoll nennt. Die Tage vergehen mit Fleisch schneiden, spazieren gehen, jagen im Umland. Die Geduld, die es für die Arbeit mit dem Habicht braucht, scheint sie von ihrem Vater geerbt zu haben. Als Zeitungsfotograf hat auch er viel Zeit mit Warten verbracht.
Erstmals ist da wieder ein Strahlen in ihren Augen. Die Britin Claire Foy – bekannt vor allem als junge Queen Elizabeth in der Serie „The Crown“ – spielt Helen bis dahin so zurückgenommen, dass solch ein kleiner Moment der wieder aufkeimenden Freude wie ein Freudentanz auf ihrem Gesicht wirkt.
Falknerei heißt, die Natur nicht nur aus der Distanz zu beobachten, sondern in der Interaktion. Doch Helen übertreibt. Verliert sich völlig in ihrer neuen Rolle als Falknerin, vergisst ihre Kurse, öffnet die Tür nicht mehr, bricht den Kontakt zu Freunden ab, verwahrlost in ihrer Wohnung.
Es ist, als hätte sie sich selbst eine lederne Habichthaube aufgesetzt, wie sie sie Mabel immer anlegt: Den Habicht beruhigt das, was er nicht sieht, existiert nicht für ihn und er fühlt sich sicherer. Helen aber wird depressiv.
Ein Film über Trauer und Verlust
„H wie Habicht“ erzählt von unserem Verhältnis zur Natur, zu Raubtieren und zum Tod. Und natürlich erfährt man viel über Habichte, über ihre blitzschnellen Reaktionen, ihre Krallen, ihre Angriffe im Tiefflug. „H wie Habicht“ ist nichts für sensible Vegetarier, der Film bietet spektakuläres Naturkino mit viel rohem Fleisch, Fell und Federn.
Regie führte die vielfach preisgekrönte britische Regisseurin Philippa Lowthorpe. Ansonsten ist der Film eher konventionell erzählt, aber das ist in Ordnung, die Aufnahmen mit Habicht – und das sind praktisch alle – müssen nicht weiter ästhetisiert werden. Man könnte dem Film vorwerfen, dass er ein bisschen auf die Tränendrüse drückt. Aber gut, es ist nun mal ein Film über Trauer und Verlust. Wer bei „Hamnet“ Rotz und Wasser geheult hat, sollte auch bei „H wie Habicht“ reichlich Taschentücher mit ins Kino nehmen.

