Wenn T.C. Boyle, dieser Meister des dystopischen Schreibens, einer Geschichte den Titel „2036“ gibt, wenn er also sofort an George Orwell erinnert und an dessen „1984“, dann ist klar: Die Zukunft sieht düster aus. Und so stellt T.C. Boyle sie sich vor: Die Vereinigten Staaten haben sich in diesem fiktiven 2036 in eine Diktatur gewandelt, was Frazier, Protagonist und Ich-Erzähler, am eigenen Leib zu spüren bekommt.
Wie funktioniert ein autoritäres System?
Erst werden ihm sämtliche Papiere abgenommen. Dann landet er in einer Anstalt zur politischen Umerziehung. Warum, das weiß er nicht – denn faire Verfahren, die Möglichkeit zur Verteidigung, gibt es nicht mehr. Das eigentlich Unheimliche aber ist: Frazier rebelliert nicht. Im Gefängnis angekommen, fügt er sich einfach. Übt sich in Treue dem Präsidenten gegenüber, verhält sich unauffällig. Und entscheidet sich irgendwann, widerständige Insassen zu verraten.
Niemand mag Verräter. Aber andererseits: Was machte es schon? Sie waren das Problem, nicht ich. Sie waren durch und durch treulos, und wenn ich sie meldete, tat ich uns allen einen Gefallen. Als das Licht gelöscht war, kämpfte ich eine volle Minute mit der Frage, ob meine Entscheidung ethisch vertretbar war, und machte meinen Frieden damit. Aus der Erzählung „2036“ von T.C. Boyle
„So funktioniert ein autoritäres System, oder? Es ist leichter, zu kooperieren und so durchzukommen“, sagt T.C. Boyle, der in dieser Geschichte auch seiner Empörung Luft macht – einer Empörung über US-Präsident Donald Trump und dessen Administration, einer Empörung darüber, dass die USA, so sagt es Boyle selbst, heute schon nicht mehr Vorbild westlicher Demokratien seien, sondern auf dem Weg in den Faschismus: „Wie sich der Faschismus in einer Gesellschaft verankert. Ich habe schon mehrfach darüber geschrieben, in anderen Geschichten, etwa über China in meinem letzten Erzählband: Wie die Bevölkerung dort nicht durch Verbote kontrolliert wird, sondern durch Belohnungen.“
Verpflichtung zum fortgesetzten Verrat
So funktioniert es auch in dieser Geschichte. Frazier wird, hat er sich erst einmal zum Verrat durchgerungen, mit einer Staatsbürgerschaft Plus ausgestattet – Belohnung auf der einen Seite und auf der anderen: Verpflichtung zum fortgesetzten Verrat.
„2036“ ist dabei nur eine von vielen Geschichte im Erzählband „Das Ende ist nur ein Anfang“, in denen sich T.C. Boyle direkt der politischen Gegenwart stellt. Der Klimawandel – eines der zentralen Themen dieses Autors – steht im Hintergrund aller Erzählungen. Und die Gewalt in der amerikanischen Gesellschaft ist Leitthema des Bandes.
Eine düstere Zukunftsvision
In einer Geschichte etwa treffen sich zwei Familien mit kleinen Kindern, beide leben in der sichersten Gegend der Stadt, beide suchen die besten Schulen, achten auf das richtige Essen – und spüren doch, dass sie ihre Kinder nicht schützen können: „Meine Tochter hat einen kleinen Sohn, den sie in den Kindergarten eines sehr sicheren Viertels mit einer hervorragenden Schule bringt. Aber sie wurde von anderen Eltern gefragt: ‚Hat er kugelsichere Platten in seinem Rucksack?‘ Ich war völlig schockiert, dass wir so weit gekommen sind. Und deshalb musste ich das in einer Story erkunden.“
Auch diese Geschichte ist, wie „2036“, eine düstere Zukunftsvision. Aber, und das macht die Kunst dieses Autors aus: T.C. Boyle verkündet nicht, Thesen-Literatur ist ihm fremd. Er will Menschen und ihre Gefühle wirklich verstehen, ganz egal, ob sie ihm gefallen oder nicht. Die ambivalente Angst von Eltern unserer Zeit genauso wie die Lust, einem faschistischen Führer zu dienen.

