Vor rund 4.000 Jahren, im sogenannten Späten Mittleren Reich, regierte in Ägypten Pharao Amenemhet II. Forschende wissen nicht viel über ihn, was vor allem daran liegt, dass Amenemhet II. sich weniger für Kriege und mehr für Handel interessierte. Der Pharao baute einige eher unbedeutende Tempel und kurze Kanäle, aber auch die großflächige Pyramidenanlage von Dahschur, südlich der Hauptstadt Kairo. In weit verzweigten Gängen reihten sich hier unzählige Schachtgräber aneinander. Ende des 19. Jahrhunderts entdeckten Forschende darin die Mumien des Pharaos und vermutlich vier seiner Töchter: Ita, Itaweret, Khenmet und Noub-Hotep. Ganz sicher in Sachen Stammbaum ist sich die Wissenschaft allerdings bis heute nicht.
Pharaonentöchter mit Dolch und Diadem
In den Grabkammern der Prinzessinnen glitzerten nicht nur Kopfschmuck, Ringe und Halsketten, sondern genauso kunstvoll gefertigte Schwerter, Bogen und Dolche. „Bei den zwischen 1893 und 1895 in Dahschur geleiteten Ausgrabungen kamen in den Grabstätten der Prinzessinnen edle Waffen zum Vorschein. Bei Prinzessin Ita ein Dolch aus Bronze mit einem Griff, eingelegt mit Gold, Lapislazuli und Karneol“, berichtet die Bioarchäologin Zeinab Hashesh von der ägyptischen Universität Beni-Suef. „Bei Prinzessin Itaweret wurden ein Bogen und Pfeile gefunden. Darüber hinaus stieß man in allen Gräbern auf Streitkolben aus Granit und Alabaster.“
Erhalten ist davon wenig. Auch die Mumien der Pharaonenfamilie blieben lange verschwunden, irgendwann nach der Ausgrabung vergessen in den Katakomben das Ägyptischen Museums in Kairo. 2020 wurden sie dort zufällig wiederentdeckt. Bei der ersten Berührung zerfiel nicht wenig Überrestliches zu Staub. Die verbliebenen Knochenreste unterzogen Zeinab Hashesh und ihr Team von der Universität Beni-Suef einer DNA-Untersuchung. Sie wollten unter anderem wissen, ob Schwert, Dolch und Bogen als Grabbeigaben für Frauen womöglich mehr waren als bisher weitgehend angenommen Statussymbol, schmückendes Beiwerk, Ritualgegenstand. Könnte es sein, dass Frauen solche Waffen wirklich benutzt haben?
Waffen in Frauen-Gräbern nicht nur Status-Symbol
„Die vorwiegende Interpretation von Seiten der Ägyptologinnen und Ägyptologen war stets, die Waffen sind symbolisch und Status“, erklärt Julia Budka, Professorin für Ägyptologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Archäologen stützten diese Ansicht lange auf die Tatsache, dass es sich bei derlei Grabbeigaben für Frauen meist um reich verzierte Waffen aus Edelmetall handelte, keine für den alltäglichen Gebrauch. Dazu komme ein etablierter Bias in den Geschichtswissenschaften: Aus westlicher Perspektive gehe man stereotyp davon aus, dass Männer die Kämpfer und Jäger seien, betont Budka. Frauen seien dem Klischee nach reduziert auf Repräsentation und Haushalt.
Wehrhafte Muskel-Prinzessinnen
Solche Vorurteile durchbrechen Zeinab Hashesh und ihr Team der Universität Beni-Suef nun in ihrer neuen Studie [externer Link]. Per DNA-Analyse scannten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Knochenreste der Mumien nach Hinweisen auf Sehnenansätze. Aus diesen Informationen modellierten sie Muskelstärke und Körperbau. „Wir fanden spezifische physiologische Anpassungen, die nur durch gewohnheitsmäßige, langfristige körperliche Belastung entstehen“, resümiert Bioarchäologin Hashesh. So deuten bei den Prinzessinnen Khenmet und Itaweret Muskel- und Knochenbau auf den regelmäßigen Gebrauch von Pfeil und Bogen hin. Prinzessin Ita verfügte dagegen über besonders robuste Muskelansätze speziell in den Händen – ein deutlicher Hinweis auf den gewohnheitsmäßigen Gebrauch von Dolchen oder Streitkolben.
Im alten Ägypten waren diese Prinzessinnen hart im Nehmen
Die Pharaonentöchter waren demnach allesamt durchtrainiert, muskulös, versiert im Umgang mit Waffen sowie hart im Nehmen. Prinzessin Itaweret überstand nachweislich mehrere Rippenbrüche und Fußfrakturen. Den Schwestern erging es ähnlich. Im Durchschnitt wurden sie 30 bis 45 Jahre alt, was den damaligen Lebenserwartungen entspricht. Aber, meint die Münchner Archäologin Julia Budka: „Wir dürfen uns jetzt keine Amazonen am Nil vorstellen und dass jetzt alle Prinzessinnen irgendwie da reale Kampfhandlungen gemacht haben, das halte ich für überzogen“. Schließlich stütze sich die Studie auf Untersuchungen nur weniger Beispiele aus einer einzigen Grabstätte. Die Forschenden an der Universität Beni-Suef um Zeinab Hashesh wollen nun an weiteren Mumien prüfen, ob Frauen im alten Ägypten generell ganz selbstverständlich mit Dolch, Schwert und Bogen hantierten.

