Kellen kratzen über den Erdboden, Pinsel legen Knochen frei. Auf den ersten Blick wirkt alles wie eine normale archäologische Ausgrabung. Nur sind hier keine Archäologen am Werk, sondern Polizisten, die akribisch zwei Skelette freilegen – mutmaßliche Mordopfer, die hier vergraben sein sollen.
Tatort unter der Erde: Polizei übt in Oberbayern
Im oberbayerischen Ainring handelt es sich um eine Übung. Das Fortbildungsinstitut der Bayerischen Polizei wappnet die Beamten für den Ernstfall: Ein möglicher Tatort, der schon Jahrzehnte unter der Erde liegt, sei zwar selten, schildert Kriminaltechniker Patrick Baumgartner von der Kripo Landshut – er und viele seiner Kollegen haben in ihrer Laufbahn noch keinen erlebt. Doch letztlich geht es hier um Kapitalverbrechen wie Mord.
„Wie gehe ich an die Stelle ran? Was brauche ich als Equipment? Wie dokumentiere ich das, damit es dann auch vor Gericht verwertbar ist?“, erklärt Patrick Baumgartner. Helfen sollen dabei nun auch Methoden aus der Archäologie.
Forensische Archäologie hilft bei der Spurensicherung
Was für manche nach verstaubter Wissenschaft und längst vergangenen Kulturen klingt, wird dabei zum wichtigen Werkzeug: Seit zwei Jahren schult das Bayerische Landeskriminalamt seine Kriminaltechnikerinnen und -techniker in sogenannter „forensischer Archäologie“, also Skelettreste und Spuren zu sichern wie bei einer archäologischen Ausgrabung. Ziel ist es, auch jahrzehntealte Tatorte bestmöglich auf Indizien zu untersuchen.
Keine andere Disziplin hat so viel Erfahrung darin, Gräber freizulegen und Fundzusammenhänge möglichst exakt festzuhalten. Die forensische Archäologin Patricia van der Burgt vom Landesamt für Archäologie in Sachsen will den Kursteilnehmern vermitteln, worauf es dabei ankommt: Etwa, wie man ein Grab im Gelände lokalisiert, wie man die Grabränder ausmacht. Auch, ob gerade der Spaten das bessere Werkzeug ist oder die feinere Kelle. Denn entscheidend bei jeder Ausgrabung ist: „Man kann es nur einmal machen, und wenn ich etwas übersehe, dann ist es für immer weg. Und ich weiß noch nicht mal, dass es das gab!“
Archäologische Polizeiarbeit: bundesweites Interesse
In Großbritannien und den USA ist forensische Archäologie schon seit mehr als zwei Jahrzehnten Teil der Polizeiarbeit. Doch auch in Deutschland wächst das Bewusstsein, Spuren immer detaillierter zu sichern, stellt Annette Dorn vom Bayerischen Landeskriminalamt fest. Mit den Kollegen in Ainring hat sie den Kurs das dritte Jahr in Folge organisiert. „Wir hatten Anfragen von der Bundespolizei und von der Polizei Berlin. Und wir haben diesmal auch Vertreter der Bundeswehr dabei.“
Forensische Spurensuche auch für Bundeswehr wichtig
Für die Soldaten ist diese Ausbildung vor allem mit Blick auf Einsätze in Krisengebieten wichtig, etwa, wenn sie mögliche Massengräber untersuchen müssen. Gerade dort kommt es darauf an, menschliche Überreste sicher zu bergen, Beweise für Kriegsverbrechen zu sichern und Angehörigen später Klarheit zu verschaffen.
Tatortsicherung mit archäologischen Methoden
Im Lehrgang in Ainring sind zu diesem Zweck seit rund einem Jahr zwei Kunststoff-Skelette vergraben, dazu eine Vielzahl von Spuren: von Klebebandfesseln und Schuhabdrücken über ein Geschoss bis hin zu erstmals auch unscheinbaren Insektenresten. Zwei Tage lang heißt es für die Teilnehmer: graben, messen, zeichnen, sogar Erde sieben. Jedes kleinste Detail zählt. Schließlich sollen die gewonnenen Indizien vor Gericht bestehen, bestenfalls Täter überführen.
Akribische Kleinarbeit ist für die Spurensichernden zwar Alltag. Trotzdem bemerkt Patrick Baumgartner auch Unterschiede: Als etwas gewöhnungsbedürftig beschreibt er die Arbeit mit Kelle, Pinsel oder dem Holzspatel. „Man geht hier noch viel langsamer und vorsichtiger vor, um nichts kaputtzumachen.“
Archäologie als Ermittlungswerkzeug: Was Fliegeneier über eine Tat verraten
Doch die Mühe lohnt sich. Bei der Übung stoßen die Teams sogar auf winzige Fliegeneier. Für die Rechtsmedizin könnten sie später wichtig sein, erklärt Annette Dorn: Sie können darauf hinweisen, dass eine Leiche zunächst offen lag und erst später vergraben wurde. Solche Details helfen, den Ablauf einer Tat zu rekonstruieren.
Archäologie ist für die bayerische Polizei damit keine „Altertumskunde“, sondern ein modernes Ermittlungswerkzeug. Die Hoffnung der Beteiligten: dass sie diese Fähigkeiten trotzdem nur selten brauchen.

