Charli XCX, die Erfolgsmusikerin aus Großbritannien, die die Popwelt seit „Brat“ von 2024 in Atem hält, hat ein neues Album herausgebracht: „Music, Fashion, Film“. Es ist – wie sie selbst auf TikTok sagt – wirklich anders als das vorherige. „Ich liebe es – und ihr vielleicht nicht.“
Und worüber singt man nach dem endgültigen kommerziellen Durchbruch? Wenn die Charts, die Musikpresse und das Feuilleton sich wieder beruhigt haben? Über das Berühmtsein, natürlich.
Charli XCX besingt Klischees über den kreativen Schaffensprozess, ihr Image und die Dreifaltigkeit des Popstardaseins: Wie man es sich vorher ausgemalt hat, wie es sich dann wirklich anfühlt und wie es von außen wirkt. Sie spielt die beiden Klischee-Rollen gegeneinander aus, die für Frauen in der Popmusik bereitgelegt werden: Bad Girl und Good Girl – als gäbe es nichts dazwischen.
Musikalisch wendet sich Charli xcx auf dem neuen Album mal wieder Gitarrensounds zu. In Songs wie „ILY2“ hatte sie längst schon damit experimentiert und in einer von ihr selbst angestoßenen Netflix-Dokuserie eine Rockband aus vier jungen Frauen zusammengestellt, die als „Nasty Cherry“ tatsächlich noch etwas eigenständig als Band aktiv waren.
Eine Platte über das Berühmtsein
Sie mache keine Rockmusik, hat die Elektro-Pop-Musikerin vorab klargestellt. Ihr gehe es nicht um das Versprechen sogenannter „handgemachter Musik“, sondern um Attitüde. Um ein bodenständiges Bandraum-Gefühl nach dem Glamour des Erfolgs vom Vorgänger-Hit-Album. An dem neuen Album hat sie mit einem kleinen Team gearbeitet: Teil des Trios ist der Brite A.G. Cook, der als Gründer des mittlerweile aufgelösten Labels PC Music mit für den Hype um Hyper-Pop verantwortlich war. Und dem mit „Magic Metal Montana“ ein Song auf dem Album gewidmet ist. Man kennt sich seit Jahren. Das Ergebnis sind eingängige Popsongs, die oft den skizzierenden Charakter von Demo-Versionen behalten.
Charli XCX gelingt, woran Superstar Taylor Swift zuletzt gescheitert ist: Ein intimes Album über das Berühmtsein. Charli XCX offenbart einerseits ihre Zweifel – als Künstlerin, aber auch privat. Und erzählt all das andererseits ganz klar aus der Perspektive eines Stars. Ihr Album löst ein, was Social Media Accounts versprechen: das echte Leben. Die wahren Gefühle. Und bleibt, weil Pop-Produkt, natürlich trotzdem distanziert. Geplant. Und eine praktische Flucht nach vorn.
Paradoxe Botschaft
Charli XCX nimmt ein Phänomen vorweg, das wir in der Popkultur immer öfter beobachten können: Karrieren – vor allem gescheiterte – werden neu aufgerollt und wohlwollend betrachtet. Zugunsten von Stars wie Britney Spears oder den deutschen Castingshow-Sängerinnen Monrose. Sie bekommen eine Stimme oder erzählen selbst von der Industrie und ihren Schattenseiten. Von all dem, was sie aushalten mussten, während sie lächelnd auf Bühnen standen. Charli XCX erzählt das in Echtzeit. Sie, die gerade den großen Zeh eintaucht ins unbekannte Gewässer Schauspielerei – die aktuell in verschiedenen Filmen zu sehen ist … sie fragt in einem Song: Ist sie mit fast Mitte 30 zu alt für die Karriere? Ist es schon zu spät?
Die Botschaft des Albums ist paradox. Charli XCX erzählt von ihrer Unsicherheit, und tut das im Austausch gegen den Ruhm, der sie wiederum unsicher macht. Das fragile Verhältnis zwischen ihr und dem Publikum, das ist der Elefant im Raum, beziehungsweise auf dem Album. Und all das geht wiederum nur auf, weil sie genau jetzt so erfolgreich ist. Wer will schon den Zweifeln einer Person lauschen, die sich auf dem absteigenden Ast befindet? Eben. Das wäre weder überraschend noch spaßig. Rund eine halbe Stunde lang kann man darüber nachdenken. Oder sich über catchy Songs freuen.
Das ist die Magie von Popmusik. Und Charli XCX zaubert uns hier ein wunderschönes Kaninchen aus dem Zylinder.

