Sie wirkt unscheinbar. Fast leer sogar. Ein paar graue Flächen. Schatten. Ein Dach. Ein Fenster. 1826 stellt der Franzose Joseph Nicéphore Niépce eine Box mit einem Loch auf sein Fensterbrett. Acht Stunden – vielleicht sogar länger – belichtet er eine mit Asphalt beschichtete Zinnplatte. Am Ende entsteht das älteste erhaltene Foto der Welt: Ihr Schöpfer spricht von einer Heliografie, einer Sonnenzeichnung.
Die Kuratorin Stephanie Herrmann hält sie für revolutionär. „Dieses erste Bild von 1826, so schemenhaft es ist, so unperfekt es heute in unseren Augen vielleicht wirkt, es ist der Grundstein, auf dem das Medium der Fotografie fußt.“ Sie betreut an den Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim eine der wichtigsten Fotosammlungen Deutschlands.
1898 verliert sich die Spur des Bildes
Was wie ein halbgeglücktes Experiment aussieht, ist tatsächlich der Urknall unserer heutigen Bilderwelt. Jedes Urlaubsfoto. Jede Presseaufnahme. Milliarden Smartphone-Pics. Alles beginnt mit dieser kleinen Zinnplatte. Sie sei ein „Stück unserer Kulturgeschichte, unseres kulturellen Gedächtnisses“, sagt Herrmann.
Und dann verschwindet dieses Stück Kulturgeschichte wieder. Nach einer Ausstellung in London im Jahr 1898 verliert sich seine Spur. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang weiß niemand, wo sich die Fotografie befindet. Bis ein Münchner auftaucht. Helmut Gernsheim. Fotograf. Sammler. Fotohistoriker. 1937 flieht er vor den Nationalsozialisten nach England. Dass er dort überhaupt einreisen kann, hat einen ungewöhnlichen Grund, erzählt Herrmann. Zwar sei Schwarz-Weiß-Fotografen die Einreise verboten gewesen. „Weil er aber Farbfotograf war, durfte er noch nach England einreisen und konnte sich dann in London niederlassen.“
In London beginnt Gernsheim gemeinsam mit seiner Frau Alison historische Fotografien zu sammeln. Damals interessiert sich kaum jemand dafür. Fotos gelten nicht als Kunst. Für Gernsheim wird daraus eine Leidenschaft. Und je tiefer er in die Geschichte der Fotografie eintaucht, desto mehr lässt ihn eine Frage nicht mehr los: Wo ist eigentlich das erste Foto der Welt geblieben? Als Fotohistoriker habe er natürlich von dem Bild von Niépce gewusst, sagt die Kuratorin Herrmann, „und er wusste auch, dass es auf einer Zinnplatte entstanden ist, und das ist eine Metallplatte, die geht ja auch nicht so schnell kaputt, und er hatte immer das Gefühl, die muss ja irgendwo sein“.
Eine gerahmte Metallplatte in einem Schrankkoffer
Jahrelang sucht Gernsheim. Er schaltet Zeitungsanzeigen. Bekommt zunächst keine einzige Spur. Dann meldet sich eine Familie aus London. In einem alten Schrankkoffer liegt eine gerahmte Metallplatte. Gernsheim hält sie ans Licht. Und erkennt, was jahrzehntelang niemand gesehen hat: Die erste erhaltene Fotografie der Welt. Gernsheim habe die Fotogeschichte damit umgeschrieben, sagt die Kuratorin Herrmann. „Er hat nämlich die Entstehung der Fotografie 13 Jahre zurückdatiert auf 1826. Vorher galt immer 1839 mit der Erfindung der Daguerreotypie als Geburtsstunde der Fotografie und das stimmt so eben nicht.“
Heute liegt die Heliografie gut geschützt in der Universität von Texas. Sie reist kaum noch. Die alte Dame ist empfindlich geworden, verrät Stephanie Herrmann. „Sie ist eingehaust in eine Vitrine und diese Vitrine wird mit Argon gefüllt, sodass kein Sauerstoff drin ist, um die Haltbarkeit der Heliographie zu gewährleisten.“ 200 Jahre nach ihrer Entstehung ist sie mehr als nur ein altes Bild. Sie ist schlicht: das älteste. Eine Erinnerung daran, wie aus einer Idee ein Medium wurde, das unseren Blick auf die Welt bis heute prägt.

