Das Mittagessen ist vorbei, eigentlich sind alle satt, aber dann wird noch Tiramisu zum Nachtisch angeboten. „Ja, gerne!“, sagen da die meisten. Aber warum eigentlich? Weil Menschen Zucker einfach nicht widerstehen können, vielleicht sogar danach süchtig sind? Eine Überblicksstudie [externer Link] zur Wirkung von Zucker lässt das vermuten. Eine Forschungsgruppe vom Max-Planck-Institut für Stoffwechselforschung in Köln hat mithilfe eines Experiments [externer Link] unseren „Dessertmagen“ im Gehirn aufgespürt und versucht nun zu ergründen, was die Lust auf Süßes eindämmen könnte.
Der „Dessertmagen“ im Gehirn
Den Dessert-Effekt gibt es nicht nur beim Menschen. Im Experiment der Forschungsgruppe um Henning Fenselau und Marc Tittgemeyer bekamen Mäuse zunächst eine ausgiebige Mahlzeit. Dann wurde ihnen zusätzlich zuckerreiches „Dessertfutter“ angeboten. Die Mäuse fraßen ausgiebig davon: Die Menge entsprach rund drei Vierteln der Kalorien der Hauptmahlzeit.
Die Forschenden entdeckten zudem: Grund für den Appetit auf Zucker ist eine Doppelfunktion bestimmter Nervenzellen im Gehirn. Diese bremsen eigentlich die Nahrungsaufnahme. Bei Zucker aber aktivieren dieselben Nervenzellen die Ausschüttung körpereigene Opioide, die motivierend wirken. Süßes wirkt so trotz eines vollen Bauches attraktiv (stimmt grammatikalisch absolut).
Einen ähnlichen „Schaltkreis“ gibt es auch beim Menschen, stellten die Forschenden fest. Tittgemeyer vermutet den Grund für diesen Mechanismus in der Evolution: Auch nach einer großen Mahlzeit mussten unsere Vorfahren noch handlungsfähig bleiben, statt pappsatt neben der Beute liegen zu bleiben und selbst zur Beute zu werden.
Die Lust auf Süßes ausschalten – mit Nasenspray
Im nächsten Schritt wollte Tittgemeyer wissen, ob sich dieser „Schaltkreis“ unterbrechen lässt. In einem weiteren Experiment bekamen satte Versuchspersonen in einem MRT-Scanner Bilder von Pudding, Tiramisu und anderen Desserts gezeigt. Ein Teil der Testpersonen erhielt allerdings vor dem Scan ein Nasenspray mit dem Opioid-Gegenspieler Naloxon. Das Mittel blockiert die Rezeptoren, an denen auch das körpereigene Beta-Endorphin wirkt. Der andere Teil der Probanden bekam ein Nasenspray ohne Wirkstoff.
Im MRT zeigte sich: Unter Naloxon reagierten die Hirnregionen, die die appetitanregenden Dessertbilder verarbeiten, deutlich schwächer. Pudding und Tiramisu verloren ihre Zugkraft. „Das ist ziemlich spektakulär“, sagt Tittgemeyer, weist aber darauf hin, dass die Auswertung der Ergebnisse noch nicht abgeschlossen ist.
Tim Hollstein vom Institut für Diabetologie und klinische Stoffwechselforschung der Universität Kiel findet die Daten des Experiments sehr interessant. Er hält es für möglich, dass Medikamente, die Essensgedanken und möglicherweise auch die Vorliebe für Süßes beeinflussen, künftig eine Rolle in der Behandlung von Stoffwechselkrankheiten spielen könnten: „Abnehm-Medikamente, wie die GLP-1-Analoga, wirken auch auf ‚Food Noise‚, auf dieses: ‚Ich muss immer an Essen denken.'“ Hier könnte es interessante Entwicklungen geben.
„Zucker ist keine Droge im eigentlichen Sinne“
Opioide, Motivation, Verlangen: Das klingt nach Sucht. Tittgemeyer bremst: „Ich will definitiv nicht alle Menschen alle zu Suchtkranken machen, nur weil wir gerne essen. Das ist Quatsch.“ Essen zu sich zu nehmen sei lebenserhaltend und habe mit Sucht nichts zu tun.
Dem pflichtet auch Hollstein bei: „Wenn Zucker wirklich eine Droge wäre, würden wir versuchen, ihn immer in Reinform zu essen, um die reinste Stimulation zu bekommen. So wie Menschen, die Kokain nehmen. Daher ist Zucker keine Droge im eigentlichen Sinne.“ Unsere Vorlieben können allerdings durch zucker- und fettreiche Ernährung manipuliert werden, so eine Studie [externer Link].
Später Zucker-Einstieg lohnt sich für Kinder ein Leben lang
Sucht oder nicht – Stoffwechselforscher Hollstein betont, dass Zucker zu vielen Erkrankungen beitragen kann [externer Link]. Einer Studie [externer Link] zufolge lohnt sich bei Kindern ein später Einstieg ins „süße Leben“: „Ich glaube daran, dass die epigenetische Programmierung am Anfang des Lebens relevant ist – dafür, wie stark man später auf Zucker reagiert und welche Folgeerkrankungen man bekommt“. Vor allem zuckergesüßte Getränke hält er für „das größte Übel unserer Zeit“.
Die Statistik [externer Link] zeigt, dass in Deutschland der Zuckerkonsum mit durchschnittlich 113 Gramm pro Tag mehr als doppelt so hoch ist als von der Weltgesundheitsorganisation empfohlen (maximal 50 Gramm pro Tag [externer Link]). Im April beschloss die Bundesregierung, im Jahr 2028 eine Steuer auf zuckerhaltige Getränke einzuführen.

