Mary Austin und Freddie Mercury lernen sich 1970 in einer Boutique im Londoner Stadtteil Kensington kennen. Sie arbeitet dort als Verkäuferin, er ist auf Shoppingtour. Die beiden werden kurz darauf ein Paar und verloben sich auch schon bald. Sie ist 22, er 27 Jahre alt.
Die langjährige Vertraute und bis zu seinem Tod Assistentin hat ihm nun ein Buch gewidmet „Freddie Mercury. Ein Leben in Songs“. Nachdem ihr der Frontsänger von Queen nicht nur sein Haus, die so genannte Garden Lodge in London vermachte, sondern auch sein künstlerisches Archiv mit handgeschriebenen Lyrics, Kompositionen und Skizzenbüchern zu legendären Hits wie „We are the Champions“, darf man an dieser Stelle ruhig mal den Atem anhalten.
Private Einblicke in das gemeinsame Leben
Mary Austin erzählt von ihrem Zusammenleben, Freddies spontaner Euphorie, etwa für gemeinsame Besuche in der Tate Gallery. Dorthin zieht es ihn immer wieder, vor allem wegen eines britischen Exzentrikers aus dem 19. Jahrhundert: Richard Dadd. Dessen von Elfen und Fantasiefiguren überbordendes Gemälde „The Fairy Feller’s Master-Stroke“ – zu deutsch „Der Meisterhieb des Feenholzfällers“ – wirkt wie ein 3D-geplottetes Relief und inspiriert Freddie Mercury zu seinem gleichnamigen Song.
Nach seinem Coming-out trennt sich das Paar, doch Mary Austin bleibt bis zu Freddie Mercurys Tod seine Assistentin, die in London die Geschäfte regelt, während er mit Queen um die Welt tourt. „Mein Job war immer, ohne romantisch verklärten Blick hinter die Kulissen zu schauen“, beschreibt sie ihre spätere Rolle.
Einer länger schmorenden Auseinandersetzung mit Freddie sind einundzwanzig flamboyante Minuten der Popgeschichte zu verdanken. Der Frontsänger von Queen will 1985 nicht beim gigantischen, von Bob Geldof geplanten Live Aid Benefizkonzert auftreten. Aus Skepsis gegenüber dem Großprojekt aber auch gegenüber dem Status Quo der Band. Doch Mary Austin bleibt hartnäckig und gehört zu denen, die Freddie davon überzeugen, an dem alle Formate sprengenden Live-Event mit vielen weiteren Weltstars teilzunehmen und im Wembley-Stadion aufzutreten.
Wie „Bohemian Rhapsody“ entstand
Die Kapitel des Buchs sind chronologisch nach großen Hits der britischen Rockband benannt. Herausragend erscheint jenes über „Bohemian Rhapsody“, denn es verdeutlicht, was alles zusammenkam, dass dieses für die Musikgeschichte einmalige Opus entstand, ein überbordendes Sound-Triptychon aus Ballade, Oper und Rock.
Nach langer Suche hat Freddie Mercury endlich seinen Flügel gefunden, einen Yamaha G2, von dem er nicht mehr lassen kann. Bei den Studioaufnahmen werden die damals technischen Möglichkeiten bis zum Limit ausgereizt: der voluminöse, chorähnliche Sound von nur vier Sängern entsteht durch unzählige Overdubs. Das bedeutet, zur aktuell entstehenden Tonspur werden bereits auf Band aufgenommene Mischungen hinzugespielt. Und schließlich verteidigt Freddie erfolgreich gegen alle Kürzungsvorschläge der Marketingabteilung die sechsminütige Gesamtlänge des Stücks.
Wertvolle Belege im Buch
„Ein Leben in Songs“ ist prächtig ausgestattet mit Fotografien und zahlreichen abgedruckten Originaldokumenten: Freddie Mercurys handschriftliche Songtexte, Kompositionen mit Akkordfolgen und Skizzen, unter anderem zum ersten Welthit der Band, „Killer Queen“, bis zu Mercurys späteren Songs wie „Barcelona“, den er gemeinsam mit der spanischen Opernsängerin Monserrat Caballé arrangierte und auf die Bühne brachte.
Dass diese Handschriften im Buch veröffentlicht sind, kann nicht hoch genug eingeschätzt werden: Denn 2023 wurden bei Sotheby’s im Rahmen einer dreitägigen Auktion 1.400 Objekte aus dem früheren Besitz Freddie Mercurys versteigert, darunter auch ein Großteil seiner Handschriften zu Songs sowie Skizzen. Nachdem die Devotionalien des Stars leider nicht in öffentlichen Museen oder Bibliotheken gelandet und damit nicht einem breiten Publikum zugänglich sind, liefert das Buch eine wichtige dokumentarische Quelle zur Entstehungsgeschichte vieler Songs.
Obwohl Mary Austin Freddie Mercury bis zu seinem Tod begleitet hat, bleiben doch manche gemeinsame Arbeits- und Lebensmomente etwas vage. Dennoch: „Ein Leben in Songs“ erweist sich als eine Schatztruhe, was Freddie Mercurys handschriftliche Notizen angeht, und zeigt darüber hinaus, dass er auch noch ein talentierter Illustrator war.

