Dieser Titel war schon vor 400 Jahren eine Parodie: „Logopandecteision“ überschrieb der schottische Reisende, Dichter und Übersetzer Thomas Urquhart (auch Urchard) sein Werk über die Schaffung einer Kunstsprache. Dabei hatte der Autor aber wohl nicht nur schöngeistige und wissenschaftliche Interessen: Er streute in seinen grotesken Text vielmehr reichlich Beschimpfungen auf seine Gläubiger, seine Widersacher und die Kirche von Schottland.
Kein Wunder, dass Urquhart reichlich Feinde hatte: Er war in einer Zeit überzeugter Royalist, als Großbritannien von Lordprotektor Oliver Cromwell (1599 – 1658) nach einem blutigen Bürgerkrieg als Republik geführt wurde. Obendrein war Urquhart ein Dandy und Exzentriker, der viel Geld in seine persönliche Ausstattung investierte, obwohl er sie sich anscheinend nicht immer leisten konnte. Sein Vermögen wurde nach der Machtübernahme Cromwells beschlagnahmt, er selbst inhaftiert.
„Keine Zahl größer als 32“
Am Ende seines „Logopandecteision“ hinterließ Urquhart ein Kryptogramm in zwei Zeilen, das bisher nicht entschlüsselt werden konnte. Niemand wusste mit den je 32 Zahlen etwas anzufangen, obwohl es viele Versuche gab, das Geheimnis zu lüften. Jetzt gelang es der in San Francisco beheimateten Firma Vals nach eigener Darstellung [externer Link] mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz (KI), die Bedeutung der Zahlen ausfindig zu machen. Das kleine Start-up-Unternehmen Vals testet verschiedene Anbieter auf dem KI-Markt auf ihre Leistungsfähigkeit und sieht sich als „unabhängiger Gutachter“ für Nutzer.
In nur 44 Minuten soll Claude Fable 5.1 des Unternehmens Anthropic die gestellte Aufgabe gelöst haben, schreibt Geby Jaff von Vals. Demnach hatte die KI einige Hilfsmittel von Urquhart selbst zur Hand. Der Dichter hatte seine beiden Zahlenreihen nämlich mit dem Klarschrift-Hinweis versehen, keine Zahl sei „größer“ als 32, und der Text enthalte die „tiefsten Wünsche seines Herzens und seiner Gedanken“.
Auch längeres Kryptogramm entschlüsselt?
Die vorgelegte Entschlüsselung des Texts klingt plausibel: „O Gott, stärke König Karl II. und mache ihn zum obersten Herrscher dieses Landes.“ Damit würde es sich schlicht um die Bitte um Gottes Segen für Karl II. durch den bedrängten Royalisten Urquhart handeln. Der genannte Monarch war der Sohn des hingerichteten Königs Karl I. und bestieg nach dem Untergang der Republik 1660 den britischen Thron.
Auch ein zweites, längeres Kryptogramm von Urquhart in 285 Ziffern soll laut Vals bis auf ein Wort entschlüsselt worden sein. Auch darin erfleht der Dichter die Thronbesteigung von Karl II.: „Lasst ihn unser einziger Cäsar, Arthur, Hektor, unser Kaiser, König, Monarch und Protektor sein…“
„Schlüssel war das Buch selbst“
Erstaunlich: Geby Jaff behauptet, es habe sich gar nicht um eine „Geheimschrift“ im engeren Sinne gehandelt, sondern die Zahlen hätten sich vielmehr auf Inhalte im Buch bezogen. Es sei also darum gegangen, diese Bezüge herzustellen: „Der Schlüssel war das Buch selbst.“
Damit scheint ein Rätsel aus dem 17. Jahrhundert gelöst, das für verstärktes Aufsehen sorgte, seit es die britische Literatur-Zeitschrift „Notes and Queries“ im Februar 1899 abermals ihren Lesern vorlegte. Der deutsche Informatiker Klaus Schmeh forderte seine Leser in seinem Wissenschaftsblog im November 2014 [externer Link] auf, sich an die Lösung zu machen: „Wer knackt dieses verschlüsselte Distichon?“ Bis die KI eingriff, scheint es niemandem gelungen zu sein, eine sinnvolle Lösung vorzulegen.
Weitere Kryptografie-Aufgaben ungelöst
Wenn sich der Erfolg der KI beim Zweizeiler von Urquhart international bestätigen sollte, dürfte es spannend werden: Mit dem bisher nicht entschlüsselten mittelalterlichen „Voynich-Manuskript“ gilt es, eine ungleich schwierigere Kryptografie-Aufgabe zu lösen. Das anonym verfasste Werk soll um 1500 verfasst worden sein und beschäftigt sich ausweislich der Bilder mit astronomischen, anatomischen und botanischen Fragen. Den Text konnte bisher niemand entschlüsseln, trotz zahlreicher Versuche, auch mit Hilfe von Computerprogrammen.
In der Archäologie warten viele weitere potentielle Entzifferungs-Aufgaben auf die KI: So ist bisher völlig unklar, welche Bedeutung die berühmten Nazca-Linien in Peru haben, die der Schweizer Privatforscher Erich von Däniken (1935 – 2026) für Spuren außerirdischer Intelligenz hielt.

