Die Russin Marina Zwetajewa hat einmal formuliert: „Dichter wird man als Kind.“ Früh wird das Fundament gelegt für das, was man schreibt, auch wenn man so wie Edgar Selge sehr spät erst literarisch debütiert hat. Das „Parterre der Kindheit“, wie der 78-jährige das in seinem neuen Buch nennt, bildet die Grundlage für alles Weitere. Zuletzt habe er selbst das bei Ingeborg Bachmann gelesen, erzählt er: „Es hat mich einfach beeindruckt, als ich gehört habe, wie apodiktisch sie das sagt: Kindheit, Kindheit, Kindheit und nichts anderes ist entscheidend für alles, was ich schreibe.“
Im Zentrum des Buches: Das Tagebuch eines 15-jährigen
Edgar Selge schreibt in „Juras letzter Winter“ nicht allein abermals eindringlich und in plastischen Szenen wie schon in seinem Erstling „Hast du uns endlich gefunden“ über seine eigene Kindheit und Jugend zwischen der tiefgläubigen Mutter und dem strengen Vater, heimgekehrt aus dem Krieg in Weißrussland.
Er befragt tastend und mit feinem psychologischem Gespür ein ebenso faszinierendes wie erschütterndes Dokument aus der Zeit der Belagerung Leningrads: das Tagebuch des 15-jährigen Jura Rjabinkin, der während der deutschen Blockade seinen Alltag und den seiner Familie protokollierte – bis zu seinem Hungertod mit gerade einmal 16 Jahren. Dieses Zeugnis einer ungeheuren Souveränität noch im Angesicht des nahenden Endes sprach Selge sofort an, als er es las. Ihn begeisterte Juras Beobachtungsschärfe, „die geistige Kraft, über die er verfügt“. Teilweise las Selge als Jugendlicher dieselben Bücher wie Jura, zum Beispiel Jack Londons „Liebe zum Leben“.
Beziehung zwischen Selge und Jura soll lebendig werden
Die Geschichte dieses Jura, von ihm selbst festgehalten im Tagebuch, lässt Edgar Selge, das Kind eines ehemaligen deutschen Soldaten, der über seine Zeit in Weißrussland schwieg – wie so viele – und der seinen Sohn schlug, nicht mehr los: „Auch in der Angst, mein Vater könnte mit Kindern – irgendwelchen verdreckten Kindern am Straßenrand – in einer Weise umgegangen sein, die ich mir nicht vorstellen möchte.“
Und so arbeiten Juras Aufzeichnungen in Selge – so sehr, bis er, der immer schon zu Selbstgesprächen neigte, Zwiesprache mit eben diesem Jura zu halten beginnt. Als eine „Suche nach Nähe“, beschreibt er es: „Es ist die Einsamkeit des Lesers, die dem Erzähler, dem Ich-Erzähler deutlich wird.“ Der Wunsch sei „die Verlebendigung dieser Beziehung“.
Das ist die große Leistung des Erzählers Edgar Selge: Diese Dialoge, die er nun in seinem Kopf führt mit Jura, kommen einem nicht nur vollkommen glaubhaft vor. Sie konturieren diesen Jungen, von dem man noch nicht einmal weiß, wann genau er 1942 – zurückgelassen von Mutter und Schwester – gestorben ist, in seiner imaginierten Persönlichkeit: Er steht uns im Wortsinn vor Augen.
Ein begnadeter Stilist
Das kann nur einem gelingen, der als Schauspieler auch nichts anderes ist als ein sehr genauer Interpret von Texten. Bibelfest wie er ist, zitiert Selge an einer Stelle seines starken Buches die berühmte Frage aus der Apostelgeschichte: „Verstehst du auch, was du da liest?“
Eine äußerst produktive Unruhe regiert dieses Buch. Aber wie schreibt Selge so treffend auch mit Blick auf seine bis heute in ihm rumorenden, eben nicht Ruhe gebenden Eltern? „Wir selbst erzeugen die Unruhe, mit der die Toten in uns wirken.“
Edgar Selge erweist sich in „Juras letzter Winter“ als ein begnadeter Stilist. Sein Buch endet mit einem Lobpreis der Einzigartigkeit des Mediums Literatur: „Eine unsichtbare Stimme erzählt uns von Vorgängen, die irgendwann einmal stattgefunden haben sollen und von denen wir nichts erführen, gäbe es nicht diese Rückstände ihrer Formulierungen.“ Aus eben diesen Relikten entsteht beim Erzähler Edgar Selge eine Prosa, die bleibt.

