Einige Forschende sprechen inzwischen von einem „Godzilla-El-Niño“, um die Größe des Wetterphänomens passend zu beschreiben, das gerade im Pazifik zwischen Amerika und Ozeanien entsteht. Nun hat der meteorologische Weltverband World Meteorological Organisation (WMO) bestätigt: Im August lagen die Oberflächentemperaturen im östlichen, äquatornahen Pazifik bis zu 2,6 Grad über dem Durchschnitt, in tieferen Schichten sogar über acht Grad.
Noch nie waren hier die Temperaturen so früh im Jahr so hoch. Das bedeutet: Das im Abstand von einigen Jahren immer wiederkehrende Wetterphänomen El-Niño ist vor der üblichen Zeit da – und wird wohl heftiger ausfallen als jemals zuvor.
Dramatische Folgen für den pazifischen Raum
„Mit fast hundertprozentiger Sicherheit haben wir es mit dem stärksten je gemessene El-Niño zu tun“, erklärt die Klimaforscherin und El-Niño-Expertin Daniela Matei vom Max-Planck-Institut für Meteorologie. „Die Auswirkungen des jetzigen El-Niño können im Pazifischen Raum tatsächlich dramatisch sein.“
Wärmeaustausch zwischen West- und Ostpazifik kollabiert
El-Niño – das „Jesuskind“ – beschreibt ein im Schnitt alle vier Jahre wiederkehrendes Wetterphänomen im Pazifik, dessen Auswirkungen sich vor allem gegen Ende des Jahres zur Weihnachtszeit bemerkbar machen. In normalen Jahren treiben Passatwinde warmes Oberflächenwasser vor der äquatorialen süd- und mittelamerikanischen Ostküste in Richtung Australien und Indonesien.
Im Gegenzug kann in der Tiefe kühleres Wasser aus dem westlichen Pazifik in Richtung amerikanischer Kontinent strömen. Sind diese Winde jedoch zu schwach oder wechseln gar ihre Richtung, kann dieser Wärmeaustausch nicht mehr stattfinden – dann ist El-Niño-Zeit.
Millionen Tote durch Ernteausfälle in der Vergangenheit
Die Folge: In den sonst trockenen Regionen an der Westküste Amerikas kommt es zu teils heftigen Regengüssen, an der sonst regnerischen und warmen Ostküste Indonesiens und Australiens, aber auch Afrikas zu Dürren. In den El-Niño-Jahren 1877 und 1878 haben Dürren Schätzungen zufolge allein in Asien und Afrika mindestens 20 Millionen Menschen das Leben gekostet.
Sturzfluten und Taifune sind besonders gefährlich
Zwar ist die internationale Gemeinschaft laut Daniela Matei heute besser auf Hungersnöte vorbereitet. Allerdings drohen auch zahlreiche andere Gefahren. Vor allem die Niederschläge können gefährliche Sturzfluten auslösen. Auch Taifune, die durch das El-Niño-Phänomen entstehen, sind für die Einwohner der Pazifikstaaten eine große und kaum beherrschbare Bedrohung: „Gegen Taifune kann man nicht so viel machen. Man kann in Deckung gehen, aber trotzdem: Sie kommen.“ Über die Folgen des Super- El-Niños macht sich die Forscherin keine Illusionen: „Es wird Tote geben“.
Weltweite Wetterkapriolen durch El-Niño
Besonders problematisch: El-Niño trifft mit seinen Wetterkapriolen auf eine durch den menschengemachten Klimawandel ohnehin schon stark aufgeheizte Atmosphäre. Deshalb bringt der kollabierte Wärmeaustausch im Pazifik auch die weltweiten Wettersysteme durcheinander, erklärt der Atmosphärenforscher Andreas Petzold vom Forschungszentrum Jülich: „Was bei uns auftreten wird, sind Veränderungen der langfristigen und großskaligen Wettersysteme.“ An der Stelle, wo die warme Luft in die Atmosphäre gepumpt wird, entstünden Wolken, die Wärme in eine sowieso schon aufgeheizte Atmosphäre abgäben. „Dadurch ändern sich die globalen Zirkulationsmuster.“
Kalter Winter in Europa?
Von Extremwetterereignissen durch El-Niño wie Starkregen und Sturzfluten wird Europa wohl verschont werden. Doch die Veränderungen der Zirkulationsmuster etwa in den Polarregionen könnten dazu führen, dass der Winter in Europa in der ersten Hälfte relativ mild, ab Januar dafür sehr kalt wird. Sicher vorhersagen lässt sich das allerdings nicht. El-Niño hat für Europa aber nicht nur meteorologische Konsequenzen.
Billionenschäden durch El-Niño
So warnen Wissenschaftler, dass durch El-Niño ausgelöste Dürren einige Grundnahrungsmittel in Teilen der Welt knapp werden könnten. Damit wären auch die Lieferketten bis nach Europa unterbrochen. Die wirtschaftlichen Schäden könnten gigantisch ausfallen: US-Forscher errechneten für die vergangenen El-Niño-Ereignisse wie beispielsweise dem von 1997 und 1998 einen globalen ökonomischen Schaden von fast 6 Billionen Dollar. Für den Zeitraum zwischen 2020 bis 2099 prognostizieren sie insgesamt einen weltweiten wirtschaftlichen Verlust von 84 Billionen Dollar.
Die WMO und andere nationalen Institutionen wollen nun ihre Vorkehrungen und Frühwarnmaßnahmen für ein außergewöhnliche Wetterereignisse verstärken, um den El-Niño-Folgen zumindest etwas entgegen setzen zu können.

